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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

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Berliner Tageblatt, 18. Februar 1917

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

25.–27. Februar 1917

25. Februar 1917. Sonntag. Das war mal wieder ein Sonntag. So was erleben zu müssen. Heute morgen war ich nach vorne. Plötzlich acht Uhr ging eine Kanonade los. Der Feind war in unsere Stellung eingedrungen. Es setzte Vernichtungsfeuer ein. Den ganzen Tag haben die Kanonen gegrölt, es war fürchterlich. In Ablainzevelle ist Kampfzone, wie’s nicht schlimmer sein kann. Was geht vor? Einen großen Rückzug soll Hindenburg geplant haben. Man weiß es nicht was kommen wird. Es ist fürchterlich. Alles wird gesprengt hier. Brunnen, Häuser, Mauern. Alles wird gesprengt und niedergelegt. Die großartigsten Detonationen hab ich gesehen. Eine Mauer von fünfzig Meter Länge wurde mit einem Male in die Höhe gesprengt. Der Krieg ist in seiner letzten Phase, so kann’s nicht weiter gehen lange. Zur Vergeltung sind hier 700 Franzosen angekommen. Ein trauriger Zug wandert jeden Morgen nach vorne. Was soll man sagen, die Menschen werden zu Bestien.

26. Februar 1917. Heute konnte ich in Urlaub fahren, welche Freude. In Ablainzevelle ging alles drunter und über. Auf der Straße konnte man sich kaum aufhalten. Brennzünder und Aufschläge überall. Ich bin die Nacht über in Courcelles geblieben.

27. Februar 1917. Heute machte ich zu Fuß [ca. 3 km] nach Courcelles, fuhr mit der Bahn über Cambrai, Douai, Lille, Tournai, Brüssel, Leuven, Lüttich, Aachen und kam morgens neun Uhr in Köln an. Um elf Uhr fuhr ich von Köln über Düsseldorf, Mülheim, Duisburg, Essen, Dortmund, Hamm, Rheda, Bielefeld nach Löhne. Von Löhne nach mehrstündigem Aufenthalt mit dem Triebwagen nach Melle. Nach einem einstündigen Aufenthalt in Melle kam ich am 28. abends um sechs Uhr in Westerhausen an. Ich überraschte meine Mutter zu ihrer großen Freude beim Kaffee kochen. Wir haben gemütlich zusammen Kaffee getrunken und gegessen, so gut es mein zusammengeschrumpfter Magen annahm.

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Kaffee – das war ein Ersatzkaffee aus u. a. Gerste, Roggen und Zichorien, der Muckefuck . (Aus dem Französischen Mocca faux, falscher Kaffee.)

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Berliner Tageblatt, 16. November 1916

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»Ehe der Krieg beendet war, gab es 511 zugelassene Ersatzmittel für die Herstellung von Ersatz-Kaffee. 837 für die Herstellung von Ersatz-Wurst, 277 für Ersatz-Bier, 849 für Ersatz-Suppe, 190 für Ersatz-Tee und sogar 61 für Ersatz-Honig.« August Skalweit: Die Deutsche Kriegsernährungswirtschaft. Stuttgart 1927, S. 61

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Der nächste Beitrag erscheint am 4. März 2017.

 

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