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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

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Berliner Tageblatt, 28. September 1916

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

24.–27. September 1916

Am Sonntag, 24. September 1916 bin ich nach St. LĂ©ger gegangen. Langsam, zu FuĂź, musste wieder verreisen. Ich war froh, dass ich weg kam aus dem SchlachtgewĂĽhl.

Bin bis abends in St. Léger geblieben, war in dem dortigen Schlossgarten, welcher sehr hoch liegt. Eine herrliche Anlage mit Wirtschaftsgebäuden und Stallungen. An den Park schließt sich das kleine schmucke Kirchlein an, eine hohe Treppe führt hinan. Es war dann Abendandacht, welcher ich beiwohnte. Man konnte sich so richtig sammeln. Man hörte zwar auch hier den Kanonendonner, aber war doch so friedlich. Die Mädchen sangen die Vesper und sonstige schöne Gesänge. Singen tun dieselben ja mal einmal schön. Es erinnerte mich an die schöne Zeit in Don. Man kommt ja nie zur Ruhe hier. Wie man sich heraussehnt aus diesem Einerlei und nichts mehr sehen von Feldgrau und Soldaten und Krieg.

Da ich erst nachts weiterfahren kann, ging ich abends in eine französische Wirtschaft, oder vielmehr deutsch-französische. Es ging alles ein durchs andere. Ein Eisenbahner spielte vorzüglich Mundharmonika, deutsche und französische Weisen. Bei letzteren wurden die Leute aus dem Dorfe besonders lebendig. Man kann’s ihnen nicht verdenken, sie sehnen sich ja auch nach dem Ende. Nachts um zwölf bin ich weiter nach Cambrai gefahren.

25. September 1916. Fuhr heute morgen nach St. Quentin. War am Nachmittag zu der alten historischen Windmühle, wo sich 70/71 die Kämpfe abgespielt haben. Es sind dort noch alte Kriegergräber zu sehen und auch wieder neue. Bin am Abend zurück nach Cambrai gefahren.

26. September 1916. Fuhr heute Morgen von Cambrai zurück nach St. Léger. Bin noch einige Stunden in diesem schönen Dörfchen geblieben. Der Schlosspark und das schöne Kirchlein zieht mich immer wieder an. Am Nachmittag hatten wir Alarm. Es hieß, die Engländer wären durch­gekommen. Hat sich aber nachher wieder gelegt. Das Trommelfeuer war wie noch nie, einfach grausig. Es ist als wenn die Welt untergehen soll.

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26/9. 16 / Sende herzl. Grüße an alle. / Sandte auch 4 kl. Pakete. Das letzte mit einem Bilde von St. Quentin, macht mal einen leichten Rahmen drum. Rahmen kann man bei Pirmann kaufen. Hängts in die Stube.

27. September 1916. Bin heute zum Regiment versetzt worden nach den Gefechtsstand Ablainzevelle. Ziemliche Ruhe an der Front. Jetzt bin ich dem Kriege noch viel näher, dauernd Kriegsgetöse an den Ohren. Ich bin bei der Vermittlung angestellt, sitzen tief unter der Erde. Wie einem manchmal zu Mute ist in diesen Gängen und Verließen, über einem die Schüsse.

Ich wohne in einem schönen Schloss. Freilich hat alles sehr gelitten, ver­schiedene Granaten haben die Mauern durchlöchert. Aber der schöne Gemüsegarten und Park steht mir zur Verfügung. Ich halte mich viel darin auf. Habe tagsüber, aber auch nachts abwechselnd sechs Stunden Dienst. Über die andere freie Zeit kann ich verfügen nach Belieben.

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Aus dem Tagebuch von Germaine Paruit, geboren 1900 in Sedan. Germaine hatte von den ersten Tagen des Krieges an bis zum Waffenstillstand ein Tagebuch geführt, in dem sie trotz ihres jungen Alters mit einer erstaunlichen Reife und Genauigkeit über Alltägliches, Entbehrungen, Truppenbewegungen, Evakuierungen und Rückkehr berichtet. (Übersetzung G. F.)

Mittwoch, den 27. September 1916. Man wird ärgerlich beim Kartoffel schälen, es dauert eine Ewigkeit, da sie nicht größer sind als Nüsse, die meisten auch nur wie Haselnüsse. Zum Glück haben wir noch welche, denn die, die keine gepflanzt haben, haben gar nichts. Trotz des festgesetzten Preises von 0,5 F für ein Kilo Zwiebeln verkaufen die Gärtner sie ihren Kunden für 1 F das Kilo. Am Nachmittag unterhalten wir uns / sprechen wir miteinander. Es sieht so aus, als wenn fünf Flugzeuge vorbeigekommen wären, eines hinter dem anderen. Sie waren sehr hoch. Um 10 Uhr abends ist es dunkel (wörtlich: gibt es kein Licht mehr).

Donnerstag, den 28. September 1916. Das ist das letzte Mal, dass wir bei der Tante essen, da wir wirklich seit langer Zeit kein Fleisch mehr haben und auch Gemüse rar ist. Wir gehen in den Wein. Es sieht so aus, als wären die Detonationen, die wir am Sonntag gehört haben, Bomben gewesen, die auf Lunes abgeworfen wurden. Der Schaden waren wohl nur 4500 gebrochene Scheiben. Wie die Glaser sagten, musste man Scheiben aus Deutschland kommen lassen. Offenbar haben die Deutschen sie der Zivilbevölkerung angeboten gegen Bezahlung in Goldmünzen, französischen oder deutschen. Wahrscheinlich hat es wirklich nur zerbrochene Scheiben gegeben, aber man weiß es nicht genau.

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Der nächste Beitrag erscheint am 1. Oktober 2016.

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