<

Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»Plötzlich schlagen vor uns auf der ganzen Breite düstre Flammen suf; dabei hämmert ein fürchterliches Krachen durch die Luft. Hintereinander fahren, von rechts nach links, Granaten aus dem Himmel und Sprengstoffe aus der Erde. Ein schauriger Vorhang trennt uns von der Welt, von der Vergangenheit und von der Zukunft.« Henri Barbusse: Das Feuer. Zürich 1918/Hamburg 1913 S. 283

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

20.–23. Juli 1917

20. Juli 1917. Die Ecke wird immer gefährlicher hier. Der Engländer, im Gegensatz zum Belgier, schießt alles kaputt. Bis jetzt haben die Leute bis an die vordersten Stellungen gewohnt. Man sah aber dieser Tage Flüchtlinge, alles im Stich lassend, querfeldein laufen. Traurig, aber nicht zu verhindern. Die Felder waren mit Fleiß bis an die Stellung bestellt. Alles fällt jetzt dem Kriege zum Opfer. Kaum sind die Bewohner geflüchtet, so stellen sich Soldaten ein, um zu plündern. Mit den, den Besitzern teuren Sachen, wird Hokuspokus gemacht. Soeben machen Soldaten mit Zylinder, Frack und Schirm komische Vorträge. Man verkommt drin. Noch vorige Nacht sind Soldaten im Dorf von Granaten getötet worden und jetzt überall Musik und Ulk. Dabei kann jeden Augenblick wieder eine Kanonade einsetzen. Um der Unschuldigen willen Herr, mach’ diesem Elend ein Ende.

______

1917-06-29_jeanne 472

(Archives-Ardennes – Cahier de Notes appartenant à Jeanne Thomassin / 1 J 727/1 /)

______

Tagebuch Jeanne Thomassin, Matton-Clémency:

1917, Juillet, Vendredi 29. Le canon tonné cette nuit avec violence, et aussi ce matin. On dit que c’est une offensive qui se prépare. Puisse t’elle réussir et les rejeter jusque chez eux! C’est bien malheureux pour les civils qu’il y en ait dans le village: chaque nuit ils vont voler des pommes de terre, des échalottes, des pois etc et c’est triste de voir ainsi déchirer ses denrées dont on aura tant besoin.

1917 Freitag 29. Juli
Die Kanonen donnern in dieser Nacht mit Gewalt, und auch heute Morgen. Man sagt, sie bereiten eine Offensive vor. Mögen sie erfolgreich sein, dann können sie ab nach Hause! Es ist sehr schlimm für die Zivilisten im Dorf, jede Nacht werden Kartoffeln, Schalotten, Erbsen etc. gestohlen, und es ist traurig zu sehen, wie sie so Nahrungsmittel zerstören, die so dringend gebraucht werden.

______

23. Juli 1917. Fürchterlich hier. Den ganzen Tag fast schießt der Engländer ins Dorf, auch des Nachts. Dann Fliegerangriffe. Tod und Verderben den ganzen Tag. So war’s noch nie. Keine Nachtruhe. Durch schwere Einschläge wird man aufgeschreckt, bis man es im Bett nicht mehr aushalten kann, um nach draußen zu gehen, wo’s nicht besser wird. Dann noch dazu dauernd Alarm und Ausrücken in Bereitschaftsstellung. Wie einem zu Mute ist, wie ängstlich klopft das Herz. Heute morgen hatten wir wieder um zwei Uhr ausrücken müssen. Ich hab Maria gelobt, wenn ich einigermaßen gesund heimkehrte, wollte ich ihr ein schönes Bild setzen und während meines Lebens in Ehren halten. Wie arm und elend ist doch der Mensch in diesem Elend. Gott sei Dank, ich konnte Sonntag noch zur heiligen Kommunion gehen. Unser Herrgott ist der einzige Trost. Ich denke immer an meine Angehörigen, wenn ich an Sterben denke. Möge der Himmel meiner alten Mutter diesen Schmerz sparen. So viele Schicksalsschläge haben wir schon durchmachen müssen.

______

Der nächste Beitrag erscheint am 26. Juli 2017.

Eintrag