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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»Das Grabennetz ist bedeutend dichter, als wir glaubten, wir, die wir selbst drin leben. Auf die fünfundzwanzig Kilometer Breite, die die Front der Armee ausmachen, kommen tausend Kilometer Gräben; Schützengräben, Verbindungsgräben, Sappen. Und das französische Heer hat zehn Armeen. Es sind demnach auf französischer Seite rund zehntausend Kilometer Gräben zu rechnen und ebensoviel auf deutscher Seite ... Und die französische Front ist ungefähr nur der achte Teil der ganzen Kriegsfront, die sich über die Erde erstreckt.« Henri Barbusse: Das Feuer. Zürich 1918, Hamburg 1913 S. 35
Bapaume, Pas-de-Calais. Am Kriegsende war Bapaume  völlig zerstört.


Bapaume, Pas-de-Calais. Am Kriegsende war Bapaume völlig zerstört.



Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

1. Dezember 1914

Es ist jetzt zwölf Uhr mittags. Was war das für ein Morgen. Wie danke ich Gott, dass ich noch lebe. Ja er ist gütig und weise. Er lenkt auch die feindlichen Geschosse.

Vergnügt sind wir aus dem Unterstand gekrochen, nichts Böses geahnt. Wohl habe ich reumütig zu Gott gebetet, aber große Furcht hatte ich nicht. Wohl hatten die Kameraden gesagt, welche schon hier waren, dass wir Feuer kriegten, aber ich hab es nicht sehr ernst genommen, war’s doch auch nicht schlimm gewesen.

Ich gehe wieder ungefähr acht Uhr mit einem Kameraden zur Ferme, um uns zu waschen und auch um das große Gut näher zu besichtigen. Mein Kamerad war ein Bauführer. Wir haben Bauart, Anlagen, Stallung, Höfe, Garten alles durchsucht. Freilich lagen nur Steine da, Holz hatte die Infanterie schon zu ihren Schützengräben geholt. Dann haben wir uns noch einen Blindgänger von den großen englischen Splitterkanonen angesehen, welcher hinter der Ferme lag. Wie wir in der Batterie ankommen, wurden wir schon erwartet. Wir sollten 200 Schuss abgeben in Richtung rechts von Reims, um eine große Ferme in Brand zu schießen, in welcher der Feind Material und sich selbst verborgen. Es dauerte nicht lange und die ersten Schüsse gingen los, dann ging’s weiter, Schuss auf Schuss. Die Ferme brannte lichterloh. Wir sahen freilich nur Dampf, aber der Beobachter Leutnant Justus rief’s durch’s Telefon uns zu. Es dauerte aber auch nicht lange, da kriegten wir Feuer wieder. Erst von vorn, dann die schweren von rechts aus der Flanke. Kein Zweifel, wir waren längst entdeckt. Es war auch kein Wunder, die alten Geschütze sprühten bei jedem Schuss eine riesige Flamme aus. Die Geschosse schlugen vor uns, rechts und links ein. Immer näher kam das Geprassel. Ein Flöten und Zischen in der Luft. Der Leutnant rief ins Telephon: Die Schüsse schlagen ganz in der Nähe ein. Aber: Weiterfeuern hieß das Kommando. Man sah nur ernste Gesichter. Heiße Gebete werden zum Himmel geschickt worden sein, aber es hieß aushalten.

Endlich Feuerpause, und bald legte sich auch das feindliche Feuer. Da löst sich der Druck vom Herzen. Oh, da hat man einander lieb, auch wenn man sich kaum dem Namen nach kennt. 164 Schuss in der kurzen Zeit mit zwei Geschützen. Um zwei Uhr soll es von neuem losgehen lautet der Befehl. Vorläufig hatten wir erst Ruhe. Wir legten uns in den Unterstand und frühstückten mal erst gründlich. Jawohl, wenn die Gefahr vorbei ist wird gelacht und geärgert den, der sich am schnellsten verkrochen, wenn der Schuss heranflöten kam.

In so groĂźer Gefahr wird allerlei gemacht. Man fĂĽhlt schon den Schuss im Nacken, ist er vorĂĽber, dann wird einem wieder leicht. Aber schon kommt wieder ein anderer Schuss angeheult.

Zwei Uhr Nachmittags wieder schussbereit. Ich wurde ans Telephon kommandiert, um die Befehle vom Beobachtungsstand aufzunehmen. Dann verlangt mich der Batterieführer zum Beobachtungsposten. Sofort machte ich mich auf den Weg dahin. Erst über Feld und Weg, dann im Laufgraben. Immer dem Feinde näher durch den Schützengraben der 77er, noch weiter in den Vorpostenschützengraben, wo unser Beobachtungsstand lag.

Es freute mich, dass ich da war. Ich habe die Infanteriebefestigungen gesehen, den Beobachtungspostenstand der Artillerie, die feindlichen SchĂĽtzengräben. War im Infanteriefeuer, konnte genau das total zerschossene BĂ©theny beobachten. Reims lag vor mir in seiner ganzen Herrlichkeit mit der Kathedrale. Ich konnte die Ferme beobachten, die wir in Brand geschossen. Lag doch Reims 2,8 km vor mir. Ich sah die verheerende Wirkung unserer SchĂĽsse, welche noch einen weiteren Brand verursachten. Ich sah wie unsere SchĂĽsse in eine Arbeiterabteilung einschlugen, wie die Arbeiter auseinanderstoben. Ich habe die SchĂĽtzengräben der 77er durchwandert, kurz – der heutige Tag hat mir sehr viel interessante, aber auch gefährliche Abenteuer geboten. Endlich um sieben Uhr abends werden wir abgelöst. Ein Wagen bringt uns wieder nach Boult zurĂĽck. Neun Uhr abends komme ich in meinem Quartier an und was finde ich da, ein Paket von Hibbeler und ein Paket von Frau Thöle. In beiden finde ich schöne Sachen und vor allem Liebe und das lässt mich sofort vergessen. Die Strapazen der Nacht und des Tages. Die gefährliche Stellung, die mich den Lieben bald entrissen hätte. Gott lenkt die Völker, die Schlachten, die Kanonenkugeln und die Herzen der Menschen. Er macht im Kriege harte Männerherzen weich, dass sie sich ihm wieder zuwenden und auf ihn vertrauen.

 

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