<

Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»Die dramatische Ernährungslage der deutschen Zivilbevölkerung, aber auch der kämpfenden Soldaten in den Jahren 1914 bis 1918 und darüber hinaus ist in den Nachkriegsjahren fast ausschließlich als Folge der „Hungerblockade“ der Mittelmächte durch die Kriegsgegner der Entente beschrieben worden. Tatsächlich wurden das Kaiserreich und die Donaumonarchie auf vielen Gebieten des Rohstoff- und Nahrungsmittelbedarfs mit der erfolgreichen Durchsetzung weitgehender Embargomaßnahmen ihrer Kriegsgegner geschwächt. Die so entstandene Hungerlage in der deutschen Bevölkerung war allerdings auch das Ergebnis dramatischer Fehlentscheidungen einer zentralistischen bis diktatorischen Ernährungspolitik; deren Regelungen in der Preis- und Verteilungspolitik blieben bis Kriegsende weitgehend unzureichend. Unter der ärmeren Bevölkerung der Großstädte herrschte ab Frühsommer 1916 definitiv Hunger. Einen neuen Höhepunkt erreichte die Ernährungskrise im Winter 1916/17: Die Kartoffelernte des Jahres 1916 lag aufgrund schlechter Witterung und einer Kartoffelfäulnis nur bei etwa 50 Prozent des Friedensertrags. Was genießbar war, ging entweder an die Front oder blieb bei den Bauern. An die Bevölkerung wurden als Ersatz Kohl- und Steckrüben ausgegeben, die kaum Nährwert haben und deren Verteilung auch nur schlecht klappte. Der „Hungerwinter“ 1916/17 kam für die Bevölkerung unerwartet und zehrte an ihrer physischen Widerstandskraft. Da es kriegsbedingt an menschlicher und tierischer Arbeitskraft für die Feldarbeit mangelte und Düngemittel nahezu fehlten, fiel auch die Getreideernte des Jahres 1917 extrem schlecht aus. So folgte auf den ›Hungerwinter‹ ein ›Hungersommer‹. Die Grundversorgung der Stadtbevölkerung lag nur noch bei 1 000 Kalorien pro Tag – zum Sterben zu viel und zum Leben und Arbeiten zu wenig. Schleichhandel und Wuchergeschäfte blühten.« Prof. Dr. med. Wolfgang U. Eckart, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, in: Dtsch Arztebl 2015; 112(6): A 230–2

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

1. Januar 1917

Das alte Jahr ist vorüber, was bringt das neue? Das Ende hat mir schwere Tage gebracht, voll Strapazen und Gefahren. Einmal bin ich sogar leicht verwundet worden. Heute nachmittag war ich zur Judas-Ferme in Leges. Bin über Moyenneville, Hamelincourt gegangen und fuhr auf dem Rückweg über Courcelles nach Ablainzevelle zurück.

1917-01-06_OT_kochvorführungen472

Osnabrücker Tageblatt, 6. Januar 1917

______

»Der Winter 1916/17 war außergewöhnlich kalt. Er wurde noch kälter dadurch, dass in Deutschland die Menschen immer weniger zu essen hatten und die bereits seit 1915 betriebene Rationierung von Lebensmitteln noch einmal verschärft wurde. […] Da die Weizen- und Kartoffelernte im Herbst 1916 sehr mager ausgefallen war, musste die Ernährung vielfach fast zur Gänze auf Kohlrüben bzw. ›Steckrüben‹ umgestellt werden. Diese waren zwar recht nahrhaft, aber trotz der täglich in den Zeitungen publizierten Rezepte sehr fade.« Gerd Krumeich: Die 101 wichtigsten Fragen. Der Erste Weltkrieg. München 2014, S. 90 f.

______

1917-01-08_OT_steckrüben_472

Osnabrücker Tageblatt, 8. Januar 1917

______

»Der Winter 1916/17 ging als ›Steckrübenwinter‹ in die Geschichtsbücher ein. ›Hier bei uns sieht es traurig aus‹, klagte eine Hamburger Arbeiterin in einem Brief vom Februar 1917. ›Schon fünf Wochen keine Kartoffeln, Mehl und Brot knapp. Man geht hungrig zu Bett und steht hungrig wieder auf. Nur die ewigen Rüben, ohne Kartoffeln, ohne Fleisch, alles in Wasser gekocht.‹« Volker Ulrich: Hungern bis zum Aufstand, ZEIT Geschichte Nr. 1/2014

______

1917-01-08_OT_steckrüben_tr_472

Osabrücker Tageblatt, 8. Januar 1917

______

Der nächste Beitrag erscheint am 19. Januar 2017.

 

>
Eintrag