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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

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Berliner Tageblatt, 6. Dezember 1914

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

11.–15. Dezember 1914

11. Dezember 1914. Gestern Abend hieß es als ob wir Boult verlassen sollen, um nach Bazancourt überzusiedeln. Bestimmter Befehl ist noch nicht gekommen, würde auch lieber Weihnachten hier bleiben, man hat sich hier gewöhnt. Die Leute kennen uns jetzt. Werden behandelt als wenn wir hier hin gehören. Lassen uns nicht gern ziehen, weil sie Infanterie nicht gern haben. Schade, hatten uns jetzt so schön eingerichtet. Nachbars Berte bringt uns jetzt schon die Milch vor die Tür. Freilich, ins Haus kommt sie nicht, viel zu anständig. Die Mutter bringt die Milch ins Haus und der Vater sitzt wohl abends bei uns und raucht sein Pfeifchen und erzählt so gut es geht. Ab und zu trinkt er auch eine Tasse Kaffee mit uns oder Tee. Bei ihnen in der Küche, ein kleines aber ziemlich sauberes Plätzchen, ist es sehr gemütlich.

12. Dezember 1914. Es ist noch kein Befehl zum AbrĂĽcken gekommen. Vielleicht bleiben wir noch hier. Die Munition fĂĽr die alten GeschĂĽtze nimmt sehr ab. Gott sei Dank, die alten Kanonen machen uns was Arbeit. Jeden Tag und jeden Tag mĂĽssen ein Teil der Mannschaften zum SchieĂźen. Und dann muss immer wieder Munition hingebracht werden. Es ist gut, dass wir alten nicht viel mit brauchen, meistens mĂĽssen die Kriegsfreiwilligen und jungen Kanoniere hin.

13. Dezember 1914. Heute Sonntag war ich wieder auf Parkwache, das war gerade Gelegenheit. Ich konnte meine Weihnachtsgrüße nach Deutschland fertig schreiben. Habe auch den beiden Mädchen, welche mir die Strümpfe gestrickt haben, einen schönen Gruß gesendet. Maria Schengber vorm Schloss hatte mir Strümpfe und Gertrud Nieweg ein Paar Pulswärmer gestrickt.

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Stricken für den Krieg – das war an sich nichts Neues. Lord Raglan beauftragte seinen Schneider, nachdem er in der Schlacht von Waterloo einen Arm verloren hatte, einen bequemen Ärmelschnitt zu für ihn zu finden. Lord Cardigan erlaubte seinen Soldaten, Strickwesten ohne Revers unter der Uniform zu tragen. Bei geschlossener Uniform waren die Cardigans nicht zu sehen. Die fersenlose Kitchener-Socke war das im Ersten Weltkrieg in England am meisten gestrickte Sockenmodell. Anleitungen dazu findet man noch heute. In Osnabrück wurden 1914 in den Monaten August bis Dezember über 6000 Paar Socken gestrickt. Das Museum Industriekultur Osnabrück ruft 2014 mit der Aktion Stricken für den Frieden noch einmal dazu auf, Socken zu stricken. Diese Socken werden öffentlich versteigert. Der Erlös geht an das Kinderhilfswerk terre des hommes für Kinder in Kriegsgebieten.

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14. Dezember 1914. Es ist doch der Befehl gekommen, dass wir nach Bazancourt überquartieren sollen. Wir mussten heute schon Sachen hinbringen. Ich hab mir auch schon ein Zimmer ausgesucht, ein sehr schönes sogar, an der Straßenecke oben in einem besseren Hause. Aber wie sah es da aus. Leute natürlich geflüchtet, alles im Stich gelassen. Ulanen hatten dort gehaust. Hatten aber nichts mitgenommen, weil sie nach Russland mussten. Morgen ziehen wir hin. Wie lange noch. Wär doch die Geschichte nur bald zu Ende. Heute erzählte mir ein Nachbar, er hätte 70 Bismarck sein Gepäck gefahren als Kutscher in Reims. Seine Tochter ist in Bourgogne verheiratet und sein Sohn ist vor zwei Jahren gestorben. Er hat so schöne Bilder gemalt, Landschaften und Porträts, war aber kein Maler. Hier sind die Franzosen wohl gelenkig und freundlich.

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Die Kirche in Bazancourt im August 2017. Foto: François Gille, Matton-Clémency

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15. Dezember 1914. Heute morgen habe ich sofort mein Bett wieder weggebracht, weil wir heute nach Bazancourt überquartieren sollen. Viele Kameraden nehmen Sachen von hier mit. Ich mach’ das nicht, ehrlich will ich bleiben und die Herrn Offiziere wollen das auch ganz und gar nicht haben. Ist von der Division streng verboten. Um elf Uhr waren wir bei einer Nachbarfamilie zum Kaffee eingeladen. Es gab Kaffee und Gebäck. Schütte und ich zusammen. Es ist das eine Mutter mit ihrem Jungen der in Reims studiert. Der Junge, Henri mit Namen, hat mir auch seine Adresse aufgeschrieben. Er wollte auch gern eine Karte von mir haben. Auch Nachbar Irrgarten will uns noch zum Kaffee einladen. Wir sind aber heute noch nicht weggekommen, sondern erst morgen Mittag. Heute Abend war ich bei ein paar jungen Frauen, deren Männer im Felde sind. Sie wohnen jetzt zusammen, der Gesellschaft wegen. Ich kannte diese jungen lebendigen Frauen schon lange, war aber noch nicht in ihrem Haus gewesen. Ich hab mich gewundert über die ziemliche Sauberkeit in den Zimmern. Diese blendend weißen Betten und Vorhänge. Auch die kleineren Leuten wohnen meist nur ärmlich, aber alles ist sauber und blank. Gibt man Wäsche ab, so sind die Hemden und Hosen gebügelt. Auch habe ich gegen Abend von dem traulichen Kirchlein Abschied genommen, welches so verlassen allein am Wäldchen liegt. Schade, es steht verwahrlost da. Frankreich hat seinen Gott verlassen. Zwar besuchen fromme Frauen und Kinder das Gotteshaus. Morgens auch und sonntags auch einzelne Männer und Damen, aber im Großen Ganzen liegt es verlassen da.

 

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