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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Lille stand von Oktober 1914 bis Oktober 1918 unter deutscher Besetzung. In der Rue de Maubeuge erinnert ein Mahnmal an diese Zeit. Für die Bevölkerung waren diese Jahre voller Entbehrungen und Sorgen. Die Familien blieben ohne Nachrichten von ihren Vätern und Söhnen, die in der französischen Armee oder in Kriegsgefangenschaft waren.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

11. Januar 1916

Habe heute in Valenciennes Einkäufe gemacht, kam heute Abend spät wieder.

1916-01-11_Lille_472

Postkarte: privat

»Am 11. Januar 1916 um 3 Uhr 30 nachts wurde Lille von einer heftigen Explosion erschüttert. Ein grelles, gelbes Licht erhellte plötzlich den Himmel. Der Grund: Die Bastion „18 Ponts“ war in die Luft gegangen. Als Teil der Befestigungsanlage der Stadt lag sie am Boulevard de Belfort und bestand aus überwölbten Bunkern, die als Pulvermagazin dienten. Sie war aus 18 Rundbögen konstruiert – daher ihr Name –, ging über zwei Etagen und verfügte über tiefe Kellergeschosse. Diese waren durch ein solides Gewölbe geschützt, welches wiederum durch eine kompakte Erdschicht bedeckt war. Die Deutschen hatten in der Bastion Munition und Sprengstoff eingelagert.

Die Explosion zerstörte das Munitionslager komplett und hinterließ einen riesigen Krater von 150 Metern Durchmesser und etwa 30 Metern Tiefe. Das ganze Viertel Moulins lag in Schutt und Asche. Besonders betroffen waren die Rue de Ronchin (heute Rue J. Jaurès), Rue Desaix, Rue Kellermann, Rue de Trévise und der Boulevard de Belfort. 21 Fabriken und 738 Häuser waren wie weggefegt worden. Die Textilfabriken Wallaert und Le Blan, beides solide Konstruktionen aus Stahlbeton, lagen wie ein Schutzschild zwischen Explosionsort und Stadt und hatten so Schlimmeres verhindert. Dennoch wurden auch an der Place der la République, der Rue de Béthune, am Boulevard de la Liberté, am Boulevards des Ecoles und sogar noch in Ascq, Hellemmes, Mons-en-Baroeul und Roubaix Schäden festgestellt. Die Explosion war über 150 Kilometer entfernt in Ostende, Brüssel und Breda zu hören gewesen. 30 Deutsche und 104 Zivilisten starben, darunter auch ganze Familien. Hinzu kamen 300 bis 400 Verletzte, davon 116 schwer.

Über die Ursachen der Explosion ist nichts Genaues bekannt. Man sprach von einem Attentat, ohne jedoch Beweise dafür zu finden, aber auch von einer Bombe, die ein britisches Flugzeug angeblich abgeworfen habe. Allerdings hatte niemand Motorengeräusche vernommen. Wahrscheinlicher ist eine spontane Detonation eines Sprengstoffs von schlechter Qualität.« Claudine Wallart, Chefkonservatorin des Kulturerbes am Archiv des Departements Nord (Lille), http://www.wegedererinnerung-nordfrankreich.com/

Nichtamtliche Nachrichten über Explosionsunglücksfälle dürfen nicht veröffentlicht werden. Quelle: Zensurbuch für die deutsche Presse. Herausgegeben von der Oberzensurstelle des Kriegspresseamts im März 1917.

 

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