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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»Es ist das Schweigen. […] Das Schweigen nach der Schlacht. Ein Schweigen ohnegleichen auf der ganzen Welt; denn bisher hat in allen Kämpfen am Ende die Natur Oberhand gewonnen; das Leben wuchs wieder aus der Vernichtung, Städte wurden wieder aufgebaut, Wälder gediehen wieder, und innerhalb weniger Monate wogte wieder junges Getreide auf den Feldern. Aber in diesem letzten, schrecklichsten der Kriege hat zum ersten Mal die Vernichtung den Sieg errungen. Hier standen Dörfer, die nie wieder aufgebaut wurden; Dörfer, von denen jetzt kein Stein mehr auf dem anderen steht. Der Boden darunter ist noch so voll von tödlicher Bedrohung, lebendiger Explosivkraft, voll von Granaten, Minen und Giftgas, daß jeder Hackenschlag, jeder Spatenstich gefährlich ist. Bäume waren da, die nie wieder ausgeschlagen haben, weil nicht nur ihre Wipfel und Stämme, sondern auch ihre tiefsten Wurzeln abgehackt, zerstört und zu Splittern zertrümmert wurden. Felder waren da, über die nie mehr ein Pflug gezogen wird, weil ihre Saat aus Stahl ist, Stahl und noch mal Stahl.« Erich Maria Remarque: Schweigen um Verdun in Der Feind, Köln 1993, S. 19 f.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

13. März 1917

Morgens. Cambrai. Zwei Stunden Aufenthalt. Fahre dann weiter in die unglĂĽckliche Gegend, wo Vernichtung und Elend zu Haus.

Abends. Ich bin wieder in Ablainzevelle angekommen. Was für Bilder traf mein Auge wie ich in Courcelles aus dem Zug stieg. Die Dörfer fast ganz vernichtet. St. Léger brannte auf vielen Stellen. Soldaten brannten und sprengten die Häuser. Von Léger über Hamelincourt, Courcelles. Ein Fahren von zurückflutenden Truppen. Die Wege unpassierbar und aufgewühlt. Er soll zur Ausführung kommen, der große Hindenburgplan. Die deutsche Mauer wird zurückgezogen. Großes Erleben werden die kommenden Tage bringen. Donnerndes Knallen und Explosionen beweisen, dass Pionier und Minenwerfer bei der Arbeit. Immer mehr Häuser, Bäume, Mauern werden dem Erdboden gleich gemacht, ganze Wälder verschwinden. In Ablainzevelle ist man keinen Augenblick sicher. Brennzünder und Aufschläge wechseln ab. Kaum kann man aus dem Unterstand heraus.

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Henri Barbusse: Das Feuer. Zürich 1918/Hamburg 1913 S. 35. »Bäume starren aus der Erde: Wundgerissene Weidenstämme, die einen breit wie Gesichter, die andern ausgehöhlt, klaffend wie aufrecht stehende Särge. Das Gelände, in dem wir uns verzweifelt hinaufarbeiten, ist ein zerfetztes und zertrümmertes Gewühle von Höckern, Löchern und düsteren Blähungen, als habe sich die ganze Wolkenladung des Gewitters auf die Erde gewälzt. Und über der gemarterten und schwarzen Natur heben sich gestürzte Baumstämme ab, die über den Rand eines braunen, gestreiften, stellenweise milchigen und finster aufblitzenden Himmels – über einen Onyxhimmel – als Schatten hinkriechen.«

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Osnabrücker Tageblatt, 13. März 1917

 

 

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