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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Frankreich, senegalesische Gefangene
Gefangenentransport. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-R41629

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

16.–19. Juni 1917

16. Juni 1917. Welch schöne Tage hier in dem stillen Dörfchen. Der Kanonendonner wird nur aus weiter Ferne gehört. Heute morgen war ich zur heiligen Messe. Vorher war der Pfarrer am Kircheschmücken. Einen großen Blu­menflor findet man um den Altären. Vor dem Bild Jeanne d’Arc sah ich sogar an einem Blumenstrauß die schwarz-weiß-rote Schleife. Man sieht, das gemeine Volk nimmt das nicht so genau. Ein Soldat hatte die Schleife irgendwo liegengelassen. Brennend scheint die Sonne den ganzen Tag auf die Erde nieder. Wenn man zu Haus wär, könnte man Heuen und Hacken. Die Sehnsucht nach Haus wird immer größer. Ich glaube, wir dürfen hoffen.

17. Juni 1917. Sonntag. Gestern war ich in Bouchain in unserer Nähe zum Baden. Ein sehr schönes Städtchen am Kanal. Wundervoll gelegen. Ich war auch in der Kirche. So schön still und herrlich geschmĂĽckt. In der Kaserne lagen Gefangene, Engländer und Franzosen. Heute sind wir von Lieu – St.Amand abgefahren ĂĽber Denain, Orchies, Lille, Roubaix, Tourcoing, Mouscron, Courtrai, Roulers nach Tielt nach Meulebeke, wo wir in einer groĂźen Fabrik in Quartier kommen. Die Fahrt war sehr schön. Belgien ist ja man einmal schön. Die fruchtbaren Ă„cker. Jetzt sind wir in Flandern, zwischen Ostende, BrĂĽgge und Gent.

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In Flandern, in den HĂĽgeln von Messines sprengten am 7. Juni, 3:10 Uhr, noch vor Sonnenaufgang, alliierte Truppen, Briten, Iren, Kanadier, Australier und Neuseeländer, 19 Minen. Die Minen enthielten zwischen 7.000 und 40.000 kg Sprengstoff. Monatelang gruben Mineure in 20 – 30 Meter Tiefe Gänge und Kammern, von denen einige während der Bauzeit von deutschen Soldaten entdeckt und vernichtet wurden. Vereinzelt kam es zu ScharmĂĽtzeln. Mehr als 20 blieben unentdeckt. Die Detonationen sollen im 160 km entfernten London zu hören gewesen sein. Fast 10.000 deutsche Soldaten wurden innerhalb weniger Stunden getötet, die Ăśberlebenden ergaben sich widerstandslos den alliierten Einheiten.

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Berliner Tageblatt, 9. Juni 1917.
»Amtlich. Berlin, 8. Juni, abends, (W.T.B.) Mit den gestern zum Angriff eingesetzten Kräften haben heute die Engländer den Kampf in Flandern nicht fortzuführen vermocht. Ein örtlicher Vorstoß östlich von Messines wurde zurückgeschlagen. Von den anderen Fronten ist bisher nichts Wesentliches gemeldet.«

 

Die Wahrheit findet man, wenn ĂĽberhaupt, zwischen den Zeilen. Bei der Informationspolitik der Kriegsparteien nimmt es nicht Wunder, dass die Aufzeichnungen der Soldaten in ihrer Unwissenheit oftmals ignorant klingen.

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18. Juni 1917. Morgens. Habe schönen Spaziergang gemacht durchs Dorf. Die Gärten und Felder sind wie gemalt, es ist eine Lust, hier zu sein. Viel Flüchtlinge sind hier angekommen aus den jetzt geräumten Dörfern am Wyschotebogen. Heute Mittag sind wir auf verschiedene Fermen verteilt worden, in der Nähe des Dorfes. Die Leute sprechen flämisch. Können meist kein französisch sprechen. Die Dörfer zeichnen sich durch Sauberkeit aus, die Straßen sowohl wie die Häuser. Auffallend ist, dass durchweg alle Leute, Frauen, Männer, Kinder, alt und junge, barfuß laufen. Die Leute scheinen auch noch Religion zu haben, doch ist die Religion nicht so aufdringlich wie in Frankreich.

19. Juni 1917. Die reinste Sommerfrische hier. Man vergisst so etwas die Kriegsleiden.

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Postkarte: Sammlung Franz Vogt

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Der nächste Beitrag erscheint am 24. Juni 2017.

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