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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

Alle Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

16. April 1916

Palmsonntag. Was fĂĽr EindrĂĽcke und Gedanken beschleichen einen an diesem herrlichen FrĂĽhlingsmorgen, welche Erinnerungen aus frĂĽherer Zeit knĂĽpfen sich an diesen Tag. Wie schön war die Palmweihe morgens und die Prozession. Erhaben still haben wir gesungen: “Ehr, Lob und Preis sei Dir, gesalbter Erlöser.” Und jetzt – der lange Krieg lässt die konfessionelle Hetze schon wieder hochkommen. Wir dĂĽrfen den französischen Gottesdienst nicht besuchen. Es wird gesagt und vorgegeben, die Franzosen beteten fĂĽr ihr Vaterland. Als wenn uns das was anginge und das ihr Recht nicht wäre. Sie kennen ja nicht die Ewigkeit unserer Kirche. Wo doch Messe, Messe ist, ob in Deutschland, Frankreich oder Afrika.

Heute nachmittag hatte ich Gelegenheit, ein Chateau besichtigen zu können. Der Besitzer, ein Großkaufmann aus Roubaix, war Soldat, die Frau und Kinder nach Roubaix gezogen, während sie den Gärtner und ein Hausmädchen zurückgelassen haben. Die Dame des Hauses war eine Künstlerin, hatte die schönsten Gemälde gemalt, welche die Salons zierten. Es war ein Genuss, in den Räumen zu gehen. Ein alter kleiner Bauernhof war in eine Wohnung umgewandelt worden. Der kleine Innenhof war mit Glas überdacht und von Zimmern eingerahmt. Der schöne Garten war für Obstbau und Gemüse eingerichtet, große Rasenflächen, Treibhäuser zierten die Anlagen.

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Ferienpaten. Luft und Licht für unsere Soldatenkinder! Wir haben im vorigen Sommer die Hilfe unserer Leser angerufen, um es zu ermöglichen, daß Kinder von Soldaten in die Ferienkolonien geschickt werden. Der Erfolg war beträchtlich. […] Jetzt gilt es, Vorbereitungen für den Sommer 1916 zu treffen. Das Bedürfnis ist nicht kleiner, sondern größer geworden. Die Zahl der Familien, deren Oberhaupt im Felde oder dem Schlachtentod zum Opfer gefallen, ist gewachsen, und die Erschwerung der Lebensverhältnisse macht sich in den Häuslichkeiten bemerkbar. […]. Berliner Tageblatt, 16. April 1916

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Wann immer Franz Vogt die Möglichkeit hat, macht er Spaziergänge. Das Alleinsein mit den Gedanken an Freunde und Familie wird für ihn zu einer Routine, einem Ritual, das ihm hilft, das Unerträgliche zu ertragen. Der sonntägliche Kirchenbesuch, die Heilige Messe und das Heilige Abendmahl sind seine Leitlinien, zu Hause in Gesmold und besonders in Frankreich während des Krieges. Die französische Messe ist ihm ebenso recht, wie die des deutschen Feldgeistlichen. Aber immer mit neu gesetzter Aufmerksamkeit und Umsicht. Der Glaube ist die Grundlage seiner inneren Stabilität. Mit ›Frömmelei‹ hat das nichts zu tun.

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