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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»Dieser Bereitschaft, den Dienst anzutreten, lag allerdings keine Begeisterung für den Krieg an sich zugrunde […], denn die Zusammenhänge dieses Konflikts waren so komplex und seltsam, dass die Soldaten und Zivilisten in allen kriegführenden Staaten überzeugt sein durften, dass sie einen Verteidigungskrieg führten […].« Christopher Clark: Die Schlafwandler. München 2012.

Ein Hin und Her von Musterung, Einberufung und Gestellungsbefehl, die Unwissenheit darüber, wann und wohin sie gehen werden, enttäuschte die Soldaten in ihren Erwartungen. Die Situation war tagelang einzig und allein geprägt von Langeweile. Franz Vogt war zwar auf der einen Seite ganz froh darüber, doch noch mal nach Hause zu kommen, seine Familie zu sehen und sich ums Geschäft kümmern zu können, auf der anderen Seite aber litt auch er unter der Ungewissheit und dem Warten, während an der Westfront der Krieg tobte. Zuletzt kam der Befehl zum Fronteinsatz oft so plötzlich, dass nur noch ein kurzes Telegramm an die Familie möglich war.

Der Krieg an der Westfront forderte in den Monaten August und September hohe Verluste auf beiden Seiten. »[…] die Gesamtzahl der Toten und Vermissten Verwundeten [betrug] auf französischer Seite 329 000, bei den Deutschen lag die Zahl mit 373 000 sogar noch höher. Nie wieder sind während des Krieges in so kurzer Zeit so viele Soldaten verwundet oder getötet worden.« Ernst Piper: Nacht über Europa. Berlin 2013.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

16.–19. August 1914

16. August 1914. In der Artilleriekaserne herrscht heute ein tolles Leben. Die Kriegsfreiwilligen werden gemustert. Der Andrang ist furchtbar, sollen doch 2 Millionen Kriegsfreiwillige sich gemeldet haben. Lauter Studenten. Kaufleute drängen sich förmlich, können aber gar nicht angenommen werden.

17. August 1914. Heute werden 2 Ersatzbatterien gebildet. Da wir aber zur leichten Munitionskolonne zugeteilt werden, werden wir vorläufig nicht eingeteilt. Hunderte von Landwehrleuten sind noch überzählig.

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Am 17. August waren schwere Kämpfe an der russischen Grenze bei Stallupönen in Ostpreußen. Gerüchte, aber auch authentische Berichte über russische Grausamkeiten trieben die Bevölkerung in die Flucht. Ganze Landstriche lagen in Trümmern. Die Ernte des Jahres 1914 war vernichtet oder von den Armeen vereinnahmt worden. Fast der gesamte Viehbestand wurde beschlagnahmt, mal von deutschen, mal von russischen Truppen. Die Provinz Ostpreußen war vom Krieg so stark betroffen wie keine andere im Deutschen Reich. In der Schlacht bei Tannenberg starben 120.000 russische Soldaten, 90 000 gerieten in deutsche Gefangenschaft. Bei den Deutschen sollen die Verluste bei etwa 13 000 Soldaten gelegen haben.(G. F.)

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18. August 1914. Nach vielem Hin und Herreden wird beschlossen, einen Teil der Landwehr wieder nach Haus zu entlassen auf Urlaub.

19. August. 1914. Heute wurde ich wieder nach Haus entlassen, kam abends 8 Uhr in Osnabrück an. In Osnabrück herrschte tolles Leben. Der ganze Neumarkt war von Menschen angefüllt, weil sich das Gerücht verbreitet hatte, dass Belfort gefallen sei. Das Gerücht war falsch. Telegramme behaupten kurz darauf das Gegenteil. Da wir noch Zeit hatten, spazierte ich mit Münch, Melle, und anderen durch die Stadt, wo wir noch verschiedene aus Gesmold trafen, die schon eingezogen waren. Abends 10 1/2 Uhr trafen wir zu Hause an, zur Überraschung meiner Angehörigen.

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Telegramm des Osnabrücker Soldaten Paul Süss an seine Familie: »rücken heute aus bitte / etwas Geld / Paul« Privatbesitz Süss (Osnabrück), zu sehen in: »Eine deutsche Stadt im Ersten Weltkrieg. Osnabrück 1914 – 1918« (Museum Industriekultur Osnabrück, 2014)

Der nächste Eintrag erscheint am 17. September 2014.

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