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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»Ein Versagen der Telefonleitung, das an ruhigen Tagen unbequeme Störung bedeutete, konnte in unruhigen Zeiten leicht zu Verwirrung und Irrtümern führen. Notwendig, um das Leitungsnetz restlos in Ordnung zu halten, waren jetzt bei allen Truppenteilen große Fernsprechtrupps. Sie besetzten die Zentralen. Sie besetzten die Endstationen. Sie sorgten von Apparat zu Apparat, dass jede Störung auf das schnellste behoben wurde. Da jeder Apparat, der Lebensnerv der Truppe, in besonders geschützten Unterständen liegt, haben die Fernsprechtrupps vieles vor ihren Kameraden voraus. Gegen Zufallstreffer und gegen Wetter sind sie mehr geschützt als die übrigen.« Edlef Köppen: Heeresbericht. München 2014, S. 107.
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Berliner Tageblatt, 24. September 1916

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

18.–22. September 1916

Am 18. September 1916 bin ich nach Cambrai und von da am 19. September nach St. Quentin, um Sachen einzukaufen. In St. Quentin habe ich mir auch den deutschen Friedhof angesehen. Derselbe war schön angelegt. An einer Seite waren die Gefallenen unserer Feinde und rechts die deutschen Gefallenen. Die in dieser Zeit so traurig berühmt gewordene Somme, fließt auch bei St. Quentin. Kommt man von der Bahn, so geht man über die Brücke in die Stadt. Überlebensgroße Symbole, Weiber und entsprechende Figuren schmücken die vier Ecken. Sie veranschaulichen die vier Hauptflüsse Frankreichs: 1. die Seine mit ihrer Schiffahrt, die Oise mit dem Weinbau, die Somme mit Landwirtschaft und die Marne mit Industrie. Geht man weiter in die Stadt, kommt man an den 8. Oktober-Platz mit dem Denkmal von 70/71. Eine große weibliche Figur mit Spinnrad, vor ihrer Brust ruhend ein verwundeter Krieger. St. Quentin hat viele freie Plätze, ein herrliches Rathaus mit Glockenspiel.

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den 20. Sept. 1916 / Eine alte französische Gastwirtschaft mit Bäckerei in Cambrai. Boulangerie heißt Bäckerei. Estaminet Wirtschaft. Brot seht Ihr rechts im Fenster. / Franz.

Am 19. und 20. September 1916 war ich in Cambrai, was mir immer noch bestens gefällt. Die schöne reinliche Stadt ladet immer zum Besuche ein. Zwei große Hauptkirchen, wovon sich die Kathedrale durch Luxus besonders ausnimmt. Immer wieder bin ich hinein gegangen, wenn ich in die Stadt kam. Unsere Kirchen kommen da nicht mit. Auch fällt mir in Cambrai auf, dass die Leute fleißig zur Kirche gehen, auch die Männer. Jeden Morgen gehen eine stattliche Anzahl zur heiligen Kommunion. Die Straßen sind breit und sauber, schön gepflastert. Häuser einfach und derb. Das Straßen- und Wirtschaftsleben gemütlicher wie bei uns. Kommt man in eine Wirtschaft, so gefällt’s einem. Die ziemliche Sauberkeit zieht an. Am 21. bin ich nach St. Léger zurückgefahren.

Zu Telefonzwecke wurde ich am 22. nach vorn kommandiert. Kam in die vordersten Gräben und musste im Unterstand schlafen, welches mir bedenklich vorkam, meine Nerven versagten bald. Die erste Nacht musste ich öfter heraus, um Luft zu schnappen.

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»Vor einigen Tagen sah ich in Wismar auf d. Bahnhof, wie mit klingendem Spiel ein kleiner Trupp Soldaten abrückte. Nette junge Bengels mit Blumen geschmückt. Ich fragte den Schaffner – nach der Somme. Als der Zug abfuhr, war kein Hurrah und Geschrei, die Musik spielte Deutschland, Deutschland über alles und die Angehörigen auf dem Bahnsteig weinten, und mancher andere auch. Mir kam der Vergleich mit einer Waggonladung voll Vieh, bei der am Wagen steht Bestimmungsort: Berlin, Centralviehhof. Ist eine Nation berechtigt, ihre gesamte männliche Jugend wie Gladiatoren auszubilden, um sie nach einigen Wochen in der Arena abschlachten zu lassen?« Aus den biografischen Skizzen von Wilhelm Henning von Oertzen (1883–1945), Gut Roggow, Mecklenburg. Antje Strahl, Reno Stutz: Der Erste Weltkrieg in Mecklenburger Tagebüchern, Schwerin 2015. S. 96f

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»Wer gefallen ist, steht – er müßte schon besonderes Unglück haben – wieder auf. Die Gefallenen aber in den jahrelangen Schlächtereien sind, richtig benannt, nichts anderes als Ermordete. Selbst der sanftere Ausdruck ›Getötete‹ wäre ungenau. Zu Millionenen Gemordete – bei einwandfreiem Tatbestand, da keineswegs Überlegung und Vorsatz gefehlt haben, Leben zu vernichten. Wenn man, um der Wahrheit zu helfen, übereinkäme, nie mehr von Gefallenen, immer von Ermordeten zu reden – das könnte vielleicht die Neigung zum Kriegführen ausrotten, denkt Funk.« A. M. Frey: Die Pflasterkästen, Ein Feldsanitätsroman, Coesfeld 2015, S. 143

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Der nächste Beitrag erscheint am 24. September 2016.

 

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