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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»Großes Hauptquartier 2. Juli 1916, Westlicher Kriegsschauplatz, In einer Breite von etwa 40 Kilometern begann gestern der seit vielen Monaten mit unbeschränkten Mitteln vorbereitete, große englische-französische Massenangriff nach siebentägiger stärkster Artillerie- und Gasvorwirkung auf beiden Seiten der Somme sowie des Ancre-Baches. Von Gommecourt bis in die Gegend von La Boiselle errang der Feind keine nennenswerten Vorteile, erlitt aber sehr schwere Verluste. Dagegen gelang es ihm, in die vordersten Linien der beiden an die Somme stoßenden Divisionsabschnitte an einzelnen Stellen einzudringen, sodass vorgezogen wurde, diese Divisionen aus den völlig zerschossenen vordersten Gräben in die zwischen erster und zweiter Stellung liegende Riegelstellung fest eingebaute, übrigens unbrauchbar gemachte Material ging hierbei, wie stets in solchem Falle, verloren ... Der gegnerische Flugdienst entwickelte große Tätigkeit. Edlef Köppen: Heeresbericht. München 2014, S. 225.

»Nach einem fünftägigen Vorbereitungsschießen von mehr als 200 Geschützen auf die deutschen Stellungen begann am 1. Juli 1916 um 7.30 Uhr der Angriff der britischen und französischen Truppen an der Somme. Dieser Tag ist im Gedächtnis Großbritanniens bis heute lebendig, weil nicht weniger als 19 240 Soldaten im Maschinengewehrfeuer der deutschen Verteidiger ihr Leben ließen. 35 493 Soldaten wurden mehr oder weniger schwer verletzt. Es war der blutigste Tag in der britischen Geschichte.« Gerd Krumeich: Die 101 wichtigsten Fragen. Der Erste Weltkrieg. München 2014, S. 46 f.
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Aufruf an die jungen Männer Großbritanniens sich zur Armee zu melden – mit dem subtilen Versprechen, dass ihr Einsatz die Dauer des Krieges verkürzen könne. Quelle: http://iht-retrospective.blogs.nytimes.com/category/world-war-i/?_r=0

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

Alle Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

Kontakt: mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

2. Juli 1916

2. Juli 1916. Sonntag. Das war eine Woche. Die englische Offensive im vollen Zuge. Jeden Tag stärker, Tag und Nacht Trommelfeuer. Ab und zu Pause, um wieder nachher umso stärker zu heulen. Flieger, ein dauerndes Surren. Städte und Dörfer werden kaputt geschossen. Ganze Dörfer müssen von Zivil geräumt werden.

Unter Aufregung und Nervenaufzehrung gehen die Tage hin. Alles verpackt und Alarmzustand. Werden wir’s halten können?

Gestern am ersten war’s fürchterlich. Eine ununterbrochene Kolonnenreihe mit Munition arbeitet zur Front. Daneben sausen die Lastautos, Automobile, Motorräder, ein ohrenbetäubendes Arbeiten auf der Straße. Posten sind ausgestellt, um den Verkehr zu regeln. Autos kommen zurück mit Verwundeten. Notlazarette sind eingerichtet. Dazu das ohrenbetäubende Grölen der Kanonen. Es wird immer stärker. Verwundete kommen auf Wagen, auch Engländer sind dazwischen. Ernste Gesichter. Höchste Anspannung von Pferden und Menschen. Bapaume ist kaputt geschossen. Der Bahnverkehr stockt. Schwere Kolonnen kommen weit her. Tagesmärsche. Ungeheure Mengen Munition werden herangeschleppt.

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Abb.: Bundesarchiv, Bild 183-S29246

In dieser Weise arbeiten sich die Tage langsam hin. Ich habe überanstrengend gearbeitet, Tag und Nacht am Telefon gestanden, Gespräche vermittelt, nachts Kolonnen empfangen und weiter telefoniert. Bin todmüde, schlafe jeden Augenblick ein.

Heute morgen kam hier ein kleines niedliches Mädchen, welches ich gut kannte aus der Kirche mit ihrer Tante, lief vor einen Wagen, der Soldat riss an der Leine, es war zu spät, das Pferd trat mit seinem großen Huf das kleine vierjährige Mädchen auf den Kopf. Es war sofort tot. Ohne Leiden, ohne große Verletzung, welch schöner Tod. Allgemeine Überstürzung, Jammern, mitleidige Soldaten griffen ein. Es waren keine Barbaren diese Deutschen.

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Französische Darstellung des deutschen »Barbaren«. Karikatur von Guillome Morinet von 1915. Irina Renz: Plakate fürs Vaterland. Die Plakatsammlung der Bibliothek für Zeitgeschichte zum Ersten Weltkrieg. Artikelserie 100 Jahre Erster Weltkrieg – 100 Jahre Bibliothek für Zeitgeschichte, hg. v. Christian Westerhoff, in: Portal Militärgeschichte, 7. Juli 2014, URL: http://portal-militaergeschichte.de/renz_plakate

Wagen kommen durch um Mittag mit englischen Leichtverwundeten. Kräftige junge Soldaten. Man sieht ihnen an die Freude, aus der Hölle heraus zu sein.

Jetzt ist’s Sonntagabend, zwölf bis ein Uhr, ich stehe noch immer am Telefon. Ich höre die Gespräche von der Front. Aufregung überall. Tü, tü, tü, Schluss, ich rufe, später rufen, wird noch gesprochen. Gomiécourt, Ablainzevelle, Bucquoy, Gruppe Nord, 521, 111. Division, bitte, besetzt, Schluss, alles ein Durcheinander. Aufregung auf’s Höchste. Dazwischen kommen dringende Fernsprüche zum Aufschreiben.

Dann Fliegergeschwader im Anzuge, Licht aus. Ja, wir haben englische Offensive. 91er Infanteristen erzählten mir, so wär’s noch nie gewesen. Tote werden begraben. Die Zivilisten gehen mürrisch und verstohlen herum, wissen nicht, ob sie sich freuen oder ängstigen sollen. Sie staunen über die Deutschen, beobachten die Luft, zittern wenn die Schüsse näher kommen.

Heute nachmittag war ich wieder Zeuge wie zwei Engländer herunter kamen. Einer ganz in der Nähe. Wie er unten kam, verbrannte er seinen Apparat. Dreizehn Stück sollen hier heute herunter geschossen sein.

Dunkle Wolken ziehen ĂĽbers Dorf. (GroĂźe Gaswolken sind im Anzuge kommt durchs Telefon.) Jeder schaut sich nach seiner Gasmaske um. In Ablainzevelle sind acht Zivilisten an Gasvergiftung gestorben. Ein Soldat hat sich zum Schlaf hinter eine Hecke gelegt, er ist nicht wieder aufgestanden, Gas hat ihn ĂĽberrascht.

Was wird die kommende Woche bringen, ängstlich denkt man an die Zukunft. Friedenssehnsucht, Heimweh beschleicht einen. Heim möchte man, in die Heimat, zu den Lieben in ruhige Verhältnisse.

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»Der 1. Juli 1916, der erste Tag der Somme-Offensive, wurde der verlustreichste Tag der britischen Militärgeschichte. Und war doch erst der Beginn einer langen Schlacht, in der schließlich über 1. Mio. Soldaten getötet oder verwundet wurden.« (R. G. Grant: Der Erste Weltkrieg · Die Visuelle Geschichte. München 2014, S. 180)

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Eingang zum L’Historial de la Grande Guerre. Fotografie: Historial de la Grande Guerre-PĂ©ronne (Somme)

Es war die Hölle. Tag und Nacht die Nähe des Todes, ununterbrochener Artilleriebeschuss, dazu Entbehrungen und unerträglicher Gestank. Trotzdem schafften es die Kommandanten immer wieder, ihre Truppen glauben zu lassen, dass  die Schlacht, zu der sie gerade aufbrachen, die letzte Schlacht sei. Die Schlacht, die erst den Sieg, dann den Frieden bringen würde. Und für viele  Männer, oft noch halbe Kinder, war es die »Letzte Schlacht«. G. F.

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Der nächste Beitrag erscheint am 9. Juli 2016

 

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