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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Ostern 1916. Lebensmittelpreise steigen, Geschäfte werden geschlossen. Es gibt Tage, an denen es nicht mal mehr Brot zu kaufen gibt. Auch nicht mit Marken.

»In Berlin haben die meisten Schlachterläden geschlossen, überall hängt das Schild “Fleisch ausverkauft” in den Schaufenstern. Um die Versorgung der Bevölkerung mit Fleisch zu sichern, hat der Magistrat 56 zusätzliche Fleischverkaufsstellen zu den bereits bestehenden 194 eingerichtet.« Quelle: chroniknet.de/extra/ereignisse/april-1916

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

Alle Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

20.-22. April 1916

20. April 1916. Gründonnerstag heute. War wieder in Bouvienes-Péronne. War auch in der Kirche zu Péronne. Zwei junge Mädchen in schwarzen Kleidern beteten vorm Grabe ums Sakrament. Andächtige gingen ein und aus. Wie in der Heimat, nur ein trauriger Zug geht durch’s Ganze. Es sind meist Frauen. Wenn auch die Männer hinter ihnen stehen, es fehlt ihnen der feste Glaube. Und dann gibt’s auch Weiber, die sich wenig daraus machen und das ist eklig. Ich kann mir keine Jungfrau und Mutter vorstellen, welche nicht betet. In Bouvienes ist der Besitzer des Schlosses ein guter Katholik. Das merkt man direkt in den Dörfern und besonders in den Kirchen. Wenn bessere Leute hinter den Geistlichen stehen, hält das die ganze Gemeinde zusammen. Was könnten diese Leute oft wirken, aber leider.

21. April 1916. Karfreitag. Heute morgen war gutes Wetter, so richtig Osterfrühling. Wir hatten vollständig Ruhe. Keinerlei Dienst. Die Leute haben auch kein Fleisch gegessen. Sie wunderten sich, dass die Soldaten Fleisch essen. Ich hab’s ihnen aber auseinandergesetzt, dass in Deutschland auch kein Fleisch gegessen würde. Heute nachmittag hat der Regen eingesetzt.

22. April 1916. Es regnet den ganzen Tag. Wie es jetzt heiĂźt, sollen wir nach Ostern von hier fort nach Belgien kommen.

1916-04-20_Heldenfriedhof_472

Soldatenfriedhof. Fotografie: Franz Vogt

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Das Zauch-Belziger Kreisblatt (Brandenburg) schreibt am 20. April 1916: »[…] aber man sollte doch nie vergessen, daß der Soldat auch nur ein Mensch ist […]. Moselfront! Seit achtzehn Monaten sind sie in ein Loch gebannt, mit einem Stückchen Feld vor sich, einem verstümmelten Baum, einer zerschossenen Fabrik. […] Achtzehn Monate im Schlamm und Regen inmitten des pestilenzartigen Geruches der Leichen, die unbeerdigt verwesen müssen. […] Die Soldaten haben ein Recht darauf, ihre Leiden besprochen, alle ihre vielen Toten geehrt, ihre Heldentaten in allen Einzelheiten erzählt zu wissen. Avancourt, Malancourt, Toter Mann, Rabenwald, Vaux Douaumont – nur der Name wechselt, die Hölle ist überall dieselbe.«

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