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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

An den Fronten sah es anders aus. August Macke schrieb am 9. September an seine Frau Elisabeth: »Der Krieg ist von einer namenlosen Grausamkeit. Man ist weg, eh man’s merkt.« (Oliver Hamel: Entsetzen sucht Formen. Kieler Nachrichten, 2. Juni 2014) Am 26. September 1914 wird Macke bei Perthes-lès-Hurlus, einem kleinen Ort zwischen Sainte-Ménéhould und Reims, von einer »befreundeten Kugel - denn es war eine französische« getroffen. (Michael Kohler: Wie der Krieg die Kunst erschütterte. Art Kunstmagazin, Februar 2014)

»Ende August und Anfang September gab es jede Woche ein oder zwei Tage Schulfrei, an denen die Schulkinder die großen Siege im Westen und Osten feierten. Nie zuvor wurden so viele Zeitungen verkauft. Die Nachrichten besagten, daß die deutschen Truppen vor Paris standen und daß die russische Gefahr bei Tannenberg gebannt worden war. Aber die Zeitungen unterrichteten auch über die Verluste und publizierten Verlustlisten, die immer länger wurden.« Jeffrey Verhey: Der Geist von 1914 in Rolf Spilker, Bernd Ulrich Hrsg.: Der Tod als Maschinist. Der industrialisierte Krieg 1914 -1918, S. 48

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

21.–26. September 1914

21. September 1914. Heute meldete ich mich freiwillig zu einer Ausfahrt zur Heide. Hauptmann Hollmann fĂĽhrte die Batterie nach Petersfehn. Es war sehr interessant in der Umgegend von Oldenburg. Viele Weiden, alle mit Wallhecken umgeben. Oldenburger Land hat schwere KĂĽhe. Ackerboden ist nicht besonders, meist wird auf Weidewirtschaft Gewicht gelegt.

22. September 1914. Heute machten wir wieder eine Ausfahrt nach der Richtung Osternburg zu. Das Wetter wird schon etwas kälter. Auf der Heide hatte ich das Unglück, von einem Pferd geschlagen zu werden. Es war jedoch nicht schlimm geworden, mit ein paar Tagen Ruhe werde ich wohl davon abkommen.

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»Das Oberhaupt der katholischen Kirche, Papst Benedikt XV., der ziemlich genau zu Kriegsbeginn am 3. September 1914 sein Amt angetreten hatte, war von diesem ›Völkerkrieg‹ natürlich besonders betroffen. [Er versuchte], die Kriegsparteien zum Friedensschluss zu bewegen. Wenige Tage nach seinem Amtsantritt, am 11. September, veröffentlichte der Osservatore Romano ein Apostolisches Schreiben, in welchem der Papst seinen ›Schmerz‹ über den gegenwärtigen furchtbaren Krieg ausdrückte: ›Deshalb werden wir Gott mit den Augen und Händen zum Himmel erhoben anflehen. Wir mahnen und beschwören alle Kinder der Kirche und besonders die Regierenden. Wir bitten zu Gott, damit er die Geißeln der Wut durch seine Barmherzigkeit und Gerechtigkeit von den Sündern der Völker entferne.‹« Gerd Krumeich: Die 101 wichtigsten Fragen. Der Erste Weltkrieg. München 2014, S. 73

23. September 1914. Heute sind wir wieder ausgefahren. Ich war wieder freiwillig dabei. Es macht mir mehr Spaß, als in der Kaserne beschäftigt zu werden, wo doch immer dasselbe Gespräch, und zwar Krieg, ist.

24. September 1914. Heute wurde dem Erbgroßherzog von Oldenburg unsere Batterie zur Besichtigung vorgeführt, damit er etwas Kenntnis vom Artillerieleben erhalte. Der Erbgroßherzog* war nur ein schüchterner mir zu hübscher Junge, ohne jede Männlichkeit und Derbheit. Er hatte einen alten General bei sich, der für ihn das Wort nahm.

*Nikolaus Friedrich Wilhelm von Oldenburg (10. August 1897 – 3. April 1970) war der letzte Erbgroßherzog des Großherzogtums Oldenburg.

25. September 1914. Heute haben wir im Kasinogarten den Tennisplatz sauber gemacht. Die anderen Mannschaften mussten die Wege ausharken. Man spĂĽrt wenig von Krieg hier in Oldenburg. Das Arbeiten war nur Nebensache, es handelte sich in erster Linie darum, dass die Mannschaften von der Seite waren.

26. September 1914. Der Tag ist wieder vorüber, gemacht habe ich wenig, meistens bin ich in der Stadt spazieren gegangen mit meinem Freunde Walter aus Georgsmarienhütte. Oldenburg eignet sich ja wunderschön zu Spaziergängen. Fast jede Straße hat seine Vorgärten und Anlagen, so dass alles einen sauberen Eindruck macht.

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