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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Benz & Cie. erhielt 1913 den Kaiserpreis für den besten Flugzeugmotor, den vierzylindriger wassergekühlten 100 PS-Benz-Flugmotor. 1914 wurde die Belegschaft auf knapp 7000 vergrößert und Forschung, Entwicklung und Produktion arbeiteten nun speziell für den Kriegseinsatz.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

Alle Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

24.–27. Dezember 1915

Heilig Abend 1915. Welche Erinnerungen beschleichen einen da. Ich gehe von Hautay nach Don. Ein schlechtes Wetter. Kam an der Niederlage der Armierungstruppen vorbei. Dieselben hatten ihr Weihnachtsfest gefeiert, es war Abend. Sie wohnen in Schiffen und Baracken, ein feines Zigeunerlager. In dem Festsaal hallt Krakelen, mehrere kommen heraus und sagen: Das war unser Weihnachten und lachen fürchterlich. Oh weh. Ich gehe weiter. Es blitzt sonderbar auf. Heilig Abend. Es donnert und regnet fürchterlich. Heilig Abend. Es läuten die Glocken in Marquillies, hinten grölen die Kanonen.

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Berliner Tageblatt, 24. Dezember 1915

»Die Berliner Stollen für die Feldgrauen. Wie bekannt, hatte sich die Berliner Bäckerinnung trotz des Stollenbackverbots die Erlaubnis erwirkt, Weihnachtsstollen an die Front zu senden. Bei der Uebergabe der Feststollen im Westen überreichte der Kronprinz* dem Obermeister Fritz Schmidt eine goldene Brillantnadel mit Krone und Initialen. – Auch den Berliner Lazaretten und einzelnen Abteilungen des Roten Kreuzes hat die Berliner Bäckerinnung Weihnachtsstollen für die Verwundeten zur Verfügung gestellt.« * Wilhelm von Preußen (1882-1951)

 

25. Dezember 1915. Weihnachten 1915. Oh, was ein Elend bergen diese Worte in schwerer Zeit. Ich war heute Morgen in dem Festgottesdienst, war zur heiligen Kommunion. Oh, es war feierlich, aber es war fern von der Heimat. Fast sämtliche Leute waren zur heiligen Kommunion, es war sehr schön im Kriege. Ich schlummerte in der Kirche neben einem Kameraden, der mit mir mein Quartier teilt.

Unsere Madam seufzt, dass sie nicht die Messe besuchen kann, weil keiner ihre Stelle vertreten kann. Freilich, sie hat sehr viel Arbeit. Sie kann sich kaum herausreißen und dann noch deutsche Soldaten. Oh, es war schön, und draußen grölten die Kanonen.

Mittag. Ein schönes Essen hat uns Mm. Pauline bereitet. Es sind wirklich nette Leute.

Dann kommt noch die Schwester Rosalie zum Diner, die ich am Sonntag fotografiert. Zu meiner Ehre ist sie da, ein nettes Mädchen durch und durch. Sie ist so fromm, geht zu keiner Festlichkeit, trinkt nichts, geht so fleißig zur Kirche. Madame Pauline ärgert mich, ich soll sie heiraten. Schade, die Kluft ist zu groß.

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Französische Zivilisten, bei denen Franz Vogt fast 10 Monate einquartiert war. Fotografie: Franz Vogt

Den ganzen Nachmittag verlebte ich im Kreise dieser lieben Menschen. Am Abend haben wir Fest, ich war auch da, es gefiel mir aber nicht, ich bin weggegangen, habe mich im trauten Familienkreise niedergelassen. Wir haben uns was erzählt. Es war so gemütlich. Um neun Uhr sind Frau und Kinder zu Bett gegangen, haben mir noch das Feuer geheizt, den Sessel hingeschoben, Kaffee warm gestellt.

Oh Gott, gib diesen Menschen Erkenntnis, dass sie Dir treu dienen, sie hatten es verlernt. Es würde mir schmerzen auf’s tiefste. Ich weiß, der Abschied wird mir sehr schwer werden aus dieser schönen Ecke.

 

Zweiter Festtag. Ich war wieder zur heiligen Messe und zwar zur Zivilmesse, da für uns kein Gottesdienst war. / Nachmittags hab ich einen Spaziergang gemacht.

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Lustige Blätter 1915, No. 52 (73. Kriegs-Nummer) www.digizeitschriften.de

 

27. Dezember 1915. War heute nach Seclin zum Generalkommando und nachher zum Regiment.

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Berliner Tageblatt, 27. Dezember 1915

 

 

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