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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

25. Oktober 1914

Schöner Sonntagmorgen, richtig warm heute. Ich war schon vor dem Hochamt spazieren gegangen, dann war ich zum Barbier, ich wurde von zarter Frauenhand tatsächlich rasiert.

Um 10 Uhr war ich im Hochamt. Unser Wachtmeister Hüntges war auch da mit anderen Kameraden. Es war kein Hochamt wie in Deutschland. Ich habe tatsächlich nur 4-5 Männer in der Kirche gesehen. Männer gehen nicht in die Kirche soweit ich jetzt beobachte. Auch viele Frauen gehen nicht in die Kirche. Außerdem waren die Diener so ungezogen vorm Altar, dass man entrüstet wegsah. Ein Kind weinte wütend, musste herausgerissen werden. Der Abbé war gerade am Predigen, er kuckte aber auch hin und lachte.

Ich fragte einen Jungen, welcher Deutsch gelernt hatte, warum Männer nicht in die Kirche gingen, da sagte er: Ist nicht wie in Deutschland. Männer gehen wenig in die Kirche. In Frieden warn vielleicht 15 Männer drin.

Um drei Uhr war ich wieder in der Andacht. Es wurde eine Prozession gehalten, wobei die Litanei auf Latein gesungen wurde. Heute morgen waren vielleicht 100 und nachmittags 110 in der Kirche, immer dieselben und doch ist Boult ein groĂźer Flecken.

Eine Mutter mit ihrem Jungen wohnt uns nebenan. Der Junge hat in Reims Deutsch gelernt. Der Vater war Zugführer von Reims nach Paris. Die Leute gehen in die Kirche und sind sehr nett. Vor der Kirche führt ein gerader, mit Tannen bepflanzter Weg zum Kirchhof, welcher sehr schön gelegen. Auf Kirchhof wird hier sehr viel Gewicht gelegt. Kostbare Denkmäler, Holzkreuze, meist Gewölbe. Ich fand ein frisches Soldatengrab vom 17. Oktober, ein Wachtmeister ruhte dort.

Nachdem wurden Liebesgaben verteilt. Viel Wäsche, Zigarren und alles andere mehr, sogar gebrauchte Bettwäsche. Der Oberleutnant hielt eine rührende Ansprache von der Opferwilligkeit unserer Lieben zu Hause. Manche Träne wurde im Auge wetterfester Kameraden zerdrückt. Abends hatten wir noch Bier zu trinken. Die Osnabrücker Aktien Bierbrauerei hatte ein Fass gespendet. Deutsche Lieder klangen in Feindesland aus kräftiger Männerkehle während draußen schwere Schüsse fielen, um Reims den letzten Rest zu geben. Wahr ist es, man gewöhnt sich an alles, man lacht nur. Schwere Granaten platzen in der Nähe.

den 25. Oktober 1914 Meine Lieben  Sende Euch herzliche GrĂĽĂźe aus Frankreich. Bin noch gesund und munter, hoffe dasselbe von Euch. Umseitige Kirche war ich heute im Hochamt. Franz.

den 25. Oktober 1914
Meine Lieben
Sende Euch herzliche GrĂĽĂźe aus Frankreich. Bin noch gesund und munter, hoffe dasselbe von Euch. Umseitige Kirche war ich heute im Hochamt. Franz.

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