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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Am 31. Juli 1917 begann die Dritte Flandernschlacht. Wieder drei Monate Schrecken und Sinnlosigkeit in einem Krieg, in dem die Diplomatie versagte. Trotz der hohen Verluste verschob die Schlacht die Frontlinie nur minimal. Mehr als 250.000 britische und 40.000 deutsche Soldaten wurden getötet.
Am 31. Juli 2017, hundert Jahre danach, legten der britische Prinz William und Belgiens König Philippe am Menin-Tor in Ypern Kränze zum Gedenken an die Toten und Verletzten einer der blutigsten Schlachten des Ersten Weltkriegs nieder.

»Noch Jahrzehnte nach Kriegsende haben die Pflüge der Bauern, wenn im Frühjahr die Äcker bestellt wurden, auf den einstigen Schlachtfeldern Skelettteile und Ausrüstungsgegenstände der Soldaten des Großen Krieges zutage gefördert – das makabre Nachspiel des großen Sterbens. Akut lebensgefährlich waren dagegen die Munitionsreste und Blindgänger, wenn der Pflug sie erfasste oder das Grundwasser die Zünder korrodieren ließ. Die Feldbestellung im einstigen Kampfgebiet war gefährlich, hier zeigte der Krieg noch nach Jahrzehnten seine tödlichen Krallen.« Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914 – 1918, Berlin 2013, S. 755

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

26.–31. Juli 1917

26. Juli 1917. Heute kommen wir von Houthulst fort. Das Dorf ist in diesen 14 Tagen fast ganz vernichtet. Seit den Anfangskämpfen war kein Schuss hereingekommen, und jetzt ist alles zerschossen. Die Truppen haben fast alle das Dorf geräumt. Nur die stattliche Kirche mit dem großen Kloster steht noch gut erhalten da. Wie lange noch? Böse Tage haben wir hier schon hinter uns, Tag und Nacht keine Ruhe. Ganze Nächte in Bereitschaftsstellung. Am Tage wegen dem Beschießen des Dorfes keine Ruhe. Gestern hatten wir wieder einen Toten und einen Verwundeten. Tote und verwundete Pferde jeden Tag. Ich bin mutlos und aufgeregt, hab Sorgen und Kummer. Heute Abend ritten wir ab hinter Zarren.

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»Auf dem finalen Höhepunkt der Kämpfe an der Westfront im August 1918 betrug die Lebenserwartung eines Artilleriepferds an der Front ganze zehn Tage. […] Die Zahl der auf allen Seiten im Ersten Weltkrieg eingesetzten Pferde belief sich nach heutiger Schätzung auf 16 Millionen, von denen etwa die Hälfte, 8 Millionen, bis zum Ende des Krieges ums Leben kam.« Ulrich Raulff: Das letzte Jahrhundert der Pferde, München 2015, S. 120

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Belgien, Houthulst, deutsches Flugzeug, Bruchlandung

In ein Trichterfeld gestĂĽrztes deutsches Flugzeug. Houthulst 1917. Fotografie: Bundesarchiv. Bild 104-00877, Fotograf unbekannt.

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27. Juli 1917. Wir liegen im Biwak, sollen aber wieder abrücken. Hier ist’s auch nicht mehr sicher. Hier ist die Hölle auf Erden. Das Vieh läuft wild, die Einwohner irren herum. Elend über Elend. Was soll werden! Zum Gott Erbarmen! Die Ernte steht überreif. Kein Mensch denkt mehr an Ernte. Ein schöner Hof nach dem anderen geht zu Grunde.

29. Juli 1917. Böse Tage. Die Nacht in Stellung, bei Tage im Biwak. Heute mussten wir nachmittags heraus im schwersten Feuer. Es war schrecklich. Tote Pferde und Menschen überall. Ich habe still mein Leben Gott aufgeopfert. Man will ja so gerne noch leben, aber unter solchen Verhältnissen? Was ist das für ein Sonntag. Wir sind glücklich wieder im Biwak angekommen. Es gab ein schweres Gewitter, wir konnten dann heimfahren. Der scharfe Donner war mir Musik und der starke Regen Erholung. Wie sieht das aus hier, ein Dorf nach dem anderen kaputt, kein Erbarmen. Ich hab zur Gottesmutter um das Leben gefleht und ihr versprochen in meinem späteren Leben, wenn es mir erhalten bleiben sollte, ihre Festtage besonders feierlich zu ehren. Ich bin auf alles gefasst, war zur heiligen Kommunion und hoffe, dass Gott mir diese Angst und Sorgen für meine Sünden anrechnen wird und mir Gnade zuteil werden lässt.

30. Juli 1917. Montag. Schon wieder mussten wir in Bereitschaftsstellung vorige Nacht. Die Anmarschwege waren wieder schrecklich übersät mit allerlei Gegenständen, Pferden, Wagen und toten Menschen. Wir rasseln durch, ein wirrer Schreckensweg. Gott sei Dank, heute nachmittag wurden wir abgelöst, sollten in Ruhe kommen und zwar nach Werken, liegt vor Dixmuden. Wir kamen schon durchs Überschwemmungsgebiet. Die mit hohen Bäumen bepflanzten Chausseen führen direkt durch überschwemmte Wiesen. Werken, ein schönes Dörfchen wie die meisten flandrischen Dörfer. Die Kirche liegt so schön auf einer Erhöhung, von festen Bäumen umgeben. Leider war das Dorf auch beschossen worden und die Bewohner hatten dasselbe fluchtartig verlassen. Brattöpfe standen noch auf der Maschine, Türe offen, traurig, traurig.

31. Juli 1917. Dienstag. Alarm, der Feind greift fürchterlich an. Wir müssen in Stellung. Noch mal den langen Angstweg. Ich nehme meine Zuflucht zur Gottesmutter und habe ihr heute versprochen, so lange ich lebe, ihre Feste besonders feiern zu wollen und so viel wie möglich durch Beispiel andere dazu anzufeuern. Meine Angst und Schrecken will ich Gott aufopfern.

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Der nächste Beitrag erscheint am 5. August 2017.

 

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