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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Mit der Bemerkung »wahrlich, das Vaterland kann ruhig sein« bezieht sich Franz Vogt auf Die Wacht am Rhein, ein vielgesungenes Soldatenlied mit dem Refrain: »Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein, / Fest steht und treu die Wacht am Rhein!« Es steht im Zusammenhang mit der 1871 erbauten 38 m hohen Germania-Statue, dem Niederwalldenkmal, oberhalb von Rüdesheim. Der Text folgt einem Gedicht von Max Schneckenberger aus dem Jahre 1840, das in den 1850er Jahren vertont und mit der Zeit immer wieder leicht geändert wurde. In der ersten Strophe heißt es: »Es braust ein Ruf wie Donnerhall, / Wie Schwertgeklirr und Wogenprall: / Zum Rhein, zum Rhein, zum deutschen Rhein! / Wer will des Stromes Hüter sein?« Es wurde erstmals im deutsch-französischen Krieg 1870/71, dann im Ersten Weltkrieg, aber auch noch im Zweiten Weltkrieg gesungen.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

5. August 1914

Man konnte sich schlecht gewöhnen in diesem Nachtlager, aber was soll man machen. Bett konnten uns die Leute auch nicht alle geben, so mussten wir also auf den Heuboden. Um 7 Uhr heute morgen marschierten wir weiter, auf Telgte zu, wo wir zwei Stunden später ankamen. In Telgte war gerade das Telegramm von der Kriegserklärung Frankreichs angekommen. Die Leute waren deshalb sehr aufgeregt. Nach einer kurzen Rast geht’s an der Gnadenkapelle vorbei nach Münster zu. Der Weg war sehr beschwerlich, weil es erstens sehr warm und außerdem mancher sich wund geritten [hatte].

In Münster herrschte ein tolles Treiben. Sämtliche Häuser waren schon mit Militär belegt. Ein Kürassierschwadron rückt gerade ins Feld. Und ruft das Vaterland uns wieder singen die stolzen Reiter und ziehen zum Bahnhof. Ein schöner Anblick, tadellose Pferde, alles neue Geschirre, stramme Haltung, begeisterte Miene, schwer bewaffnet, mit Blumen geschmückt, wahrlich, das Vaterland kann ruhig sein.

Wir marschieren mit unseren Pferden zur Kürassierkaserne, wo uns dieselben abgenommen werden. Nachdem wir uns dann in der Kantine etwas erquickt, legen wir uns zum Mittagsschläfchen nieder. Behaglich zumute ist mir gerade nicht. Auf dem Kasernenhofe tolles Leben. Generäle, Offiziere, Autos, Kutschwagen, Militärwagen stehen in Reih und Glied. Überall eifrige Beschäftigung.

Zu unserer Überraschung wurden wir wieder nach Haus entlassen, wo ich des Nachts um 3 Uhr, nachdem wir in Osnabrück längeren Aufenthalt hatten, ankam.

Auf den Bahnhöfen herrschte eine Überfüllung wie sie nicht größer sein konnte. Truppen wurden hin und her befördert. Damen vom roten Kreuz teilten Erfrischungen aus. Butterbrot, Zigarren, Kaffee und anderes. Eisenbahnwagen waren bekränzt, Taschentücher wurden geschwenkt. Brausend, immer und immer wieder, wurde die Wacht am Rhein gesungen. An sämtlichen Brücken und Übergängen stehen Posten zur Bewachung.

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OsnabrĂĽcker Zeitung, 4. August 1914

 

 

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