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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

Alle Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

6. Februar 1915

Es war eine schöne Fahrt gestern. Wie wir in die Nähe von Sedan kamen hat man doch ein sonderbares Gefühl. Wo man von Kindheit gehört und gelernt mit eigenen Augen sehen, und was für eine interessante Gegend. Wir sehen mal wieder grüne Wiesen, das tut dem Auge wohl. Lange genug hatten wir den klebrigen Boden durchwühlt in der Gegend von Reims. Matton ist ein schönes Dorf. Leider hat’s der Krieg am 24. August arg mitgenommen. Es ist teils von uns, teils von den Franzmännern zerschossen worden. Matton hat eine sehr schöne moderne Kreuzschiffkirche, welche auch einige Treffer hatte, ist jedoch nicht beschädigt. Das Dorf liegt tief im Tale. Auf den Höhen haben die Geschütze sich gegenüber gestanden. Zeugen erzählten mir, wie die Bewohner teils geflüchtet, teils in den Kellern sich aufgehalten, von furchtbarer Angst gepeitscht. Es wäre einfach schrecklich gewesen. Matton hat noch einen Vorort, der liegt auf der Höhe, heißt Matton-Clémency. Auch hier ist eine kleine Kirche, schon sehr alt, wurde nur zeitweise benutzt. Ist aber jetzt auch kaputt geschlagen. In diesem Ort bin ich einquartiert.

1915-02-06_Matton_Renault472

Die Arbeiter der Spinnerei Renault in Matton am Anfang des 20. Jh.
Postkarte: Sammlung Franz Vogt

[ohne Datum] Die Leinenweberei von Henri Renault* wurde fast nicht beschädigt am 24. August. Alles noch wie auf dem Bilde nur bedeutend schöner. Im Herrenhaus oben unsere Offiziere, Platz unser Park, Comtoy unser Wachtlokal. Franz. Im Herrenhaus oben riesiger Luxus, viel mehr wie in Deutschland in solchen Häusern. Der Franzose ist mehr für inneren Ausbau und gemütliche Wohnräume wie für äußeres Ansehen.

*Die richtige Schreibweise ist Renaud, so steht es auf den Grabsteinen der Familie des Fabrikanten. (Anmerkung: François Gille, Matton-Clémency, 2016)

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Aus dem Tagebuch der 16jährigen Jeanne Thomassin, die während der Besatzung 1914–1918 in Matton lebte.

Vendredi 5 février_472

Die Tagebücher von Jeanne Thomassin befinden sich in den Archives départementales des Ardennes, Charleville, und wurden von François Gille, Matton-Clemancy, für diesen Blog zur Verfügung gestellt.

Vendredi 5. Il arrive 200 A. à loger. Ce sont des caissons de munitions pour l’artillerie. Ils logent chez les émigrés, ils disent qu’ils viennent de Bazancourt. Ils ont mis les caissons dans la cour de la fabrique et un poste est là pour les garder. Tous les jours, ils font l’exercice soit avec les chevaux, soit avec les caissons, ils vont aussi à l’inspection des bottes etc. Après les fenêtres de Meur Domange, ils collent des photographies contre les Français et les Anglais.

Freitag, 5. Februar. 200 Deutsche kommen, um Quartier zu nehmen. Sie kommen mit Munitionswagen für die Artillerie. Sie quartieren sich in den Häusern ein, die am 24. August verlassen wurden und in die die Bewohner nicht mehr zurückgekehrt sind. Sie haben die Munitionswagen im Hof der Fabrik [der Spinnerei Renault] abgestellt. Ein Posten bewacht sie. Sie exerzieren jeden Tag, entweder zu Pferd oder mit den Munitionswagen. Sie machen auch Stiefel-Appelle. Hinter die Schaufensterscheiben der Bäckerei Domange kleben Sie Fotos gegen die Franzosen und die Engländer.

 

 

 

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