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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

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Eine mit Metallkugeln gefüllte Artilleriegranate, nach ihrem Erfinder Henry Shrapnel (1761–1842) auch Schrapnell genannt.
Etwa 50 m vor dem Ziel wurden die Kugeln über Zeitzünder durch Sprengstoff freigesetzt und damit eine große Streuung der Kugeln erreicht – mit verheerender Wirkung. (Museum Somme 1916, Albert. Foto: G. F.)

»Wer gefallen ist, steht – er müßte schon besonderes Unglück haben – wieder auf. Die Gefallenen aber in den jahrelangen Schlächtereien sind, richtig benannt, nichts anderes als Ermordete. Selbst der sanftere Ausdruck ›Getötete‹ wäre ungenau. Zu Millionenen Gemordete – bei einwandfreiem Tatbestand, da keineswegs Überlegung und Vorsatz gefehlt haben, Leben zu vernichten. Wenn man, um der Wahrheit zu helfen, übereinkäme, nie mehr von Gefallenen, immer von Ermordeten zu reden – das könnte vielleicht die Neigung zum Kriegführen ausrotten, denkt Funk.« A. M. Frey: Die Pflasterkästen, Ein Feldsanitätsroman, Coesfeld 2015, S. 143

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

Alle Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

Kontakt: mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

9. Juli 1916

9. Juli 1916. Sonntag. Diese Woche, besonders die letzten Tage waren schon wieder etwas ruhiger, wenigstens an unserer Front. Links bei PĂ©ronne geht’s freilich Tag und Nacht. Ein Kanonendonner. Mit Sorgen sieht man die Tage schwinden. Wie wird diese Offensive enden – und ist der Krieg dann alle – so fragt man sich. Es kann doch so nicht weiter gehen. Täglich sieht man harte Fliegerkämpfe. Heute morgen hat schon eine Fokker zwei vor meinen Augen herunter geholt. Schauerlich schön hat’s ausgesehen. Der letzte, ein schwarzes Panzerflugzeug, hat lange kämpfen mĂĽssen. Zuletzt sah man eine leichte Stichflamme und bald brannte es lichterloh und flatterte herunter. Schön und nervenerregend anzusehen, aber traurig fĂĽr die Insassen.

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Berliner Tageblatt, 9. Juli 1916

»Englischer Heeresbericht. / London, 7. Juli. (Meldung des Reuterschen Bureaus.)

Amtlicher Bericht des General Haig: Letzte Nacht beschoß der Feind unsere neuen Stellungen bei Rernafray, bei Montauban und bei La Boiselle heftig. Er benutzte an einigen Stellen Geschosse, die Tränen in die Augen trieben. Oestlich von La Boiselle eroberten wir nach einem heftigen Kampf, in dem der Feind schwere Verluste erlitt, wieder einen Laufgraben, der sich über eine Front von 1000 Yards ersteckte. Wir haben uns jetzt dort endgültig festgesetzt. Südwestlich von Thiepval wurde ein entschlossener Angriff auf unsere Linie vollständig vereitelt. Am Morgen erneuerten wir bei Tagesanbruch in gewissen Abschnitten des Schlachtfeldes östlich von Albert unsere kräftige Offensive. Die feindliche Artillerie war besonders tätig am Vorsprung von Loos und gegenüber von Hulluch. Unsere Artillerie beschoß feindliche Verbindungsgräben und Quartiere an verschiedenen Stellen. Wir ließen gegenüber von Hulluch und Auchy zwei Minen springen. Zu gleicher Zeit richteten die Deutschen schwere Angriffe auf unsere Gräben in der Höhe der Ancre und nördlich Fricourt. An der ganzen Front zwischen Ancre und Montauban wurde heftig gekämpft. Bis jetzt wurden mehrere wichtige taktische Erfolge seitens unserer Infanterie in der Nähe von Ovillers, La Boiselle und Contalmaison erzielt, aber nordwestlich von Thiepal gelang es dem Feinde, zeitweise 200–300 Yards verlorenen Bodens wieder zu gewinnen.«

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Paul Zech an Stefan Zweig: »Nordfrankreich, den 12/7 1916 Mein lieber Freund, ich hatte nie geglaubt, daß die Hölle von Verdun noch zu überbieten gewesen wäre. Ich litt dort furchtbar. Nun es vorbei ist, darf es ausgesprochen werden. Aber nicht genug: nun sind wir an die Somme geschickt worden. Und hier ist alles gesteigert: Haß, Entmenschlichung, Grauen und Blut.« Peter Walther (Hrsg.): Endzeit Europa: ein kollektives Tagebuch deutschsprachiger Schriftsteller, Künstler und Gelehrter im Ersten Weltkrieg. Göttingen 2008. S. 268

Der nächste Beitrag erscheint am 16. Juli 1916.

 

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