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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»Durch beflaggte Straßen, Feldküchen säumten sie, eine Mutter trug uns Blumen nach oder Würste, in der kleinen roten Faust unserer Schwester hing unser Köfferchen, und sie weinte in ihre Schürze, indes wir sangen. Wir sangen und hatten auf dem Helm einen Kranz. Wo unsere Regimentsmusik um die Ecke bog, flogen die Straße entlang alle Fenster auf. Die Autos hielten und ließen uns vorbeimarschieren. Auch am Bahnhof hängen Fahnen und Kränze. Werden wir noch einmal sehen, die uns suchen?« Heinrich Mann: Die Armen. Leipzig 1917, S. 293.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

9. Oktober 1914

Jetzt kann ich schreiben, aber wo. Dieses war ein bewegter Tag. Zuerst wurden wir diese Nacht um 1 Uhr alarmiert. Der ganze Neue Graben war ein Aufruhr. Kurz nachher wurde auch die Infanterie alarmiert. Trommeln, Pfeifen und Singen auf der Straße. Kameraden sangen schon die Wacht am Rhein. Hurras wurden ausgebracht. Die Osnabrücker Quartierwirte bekommen ein Hoch. Unser Fräulein hatte guten Kaffee gekocht. Die Taschen voll Butterbrote, Eier, Birnen waren wir gut versorgt. Nachdem ich Abschied genommen von meinem schönen Balkonzimmer, von meinen Damen, ging’s los in die Nacht, in die ungewisse Zukunft.

Zu unserer größten Überraschung stellte sich aber an der Bahn heraus, dass wir nicht 4 Uhr 20 morgens, sondern 4 Uhr 20 nachmittags fahren sollten. Es hieß also zurück in die Quartiere. Mittlerweile waren 2 Stunden verlaufen und die Wirte in tiefem Schlaf und die Türen verschlossen. Meine Kameraden im Nachbarhaus stiegen durchs Fenster. Nach längerem Unterhandeln weckten wir unten den Kaufmann Schnunge, kamen dann auch wieder in unser Quartier, in unsere schönen warmen Betten und wurden nicht wieder gestört.

Um 9 Uhr morgens wurde mir mitgeteilt, dass meine Mutter zu Besuch da wäre. So bin ich dann zum Neumarkt gegangen, wo ich dieselbe auch traf. Wir haben zusammen bei Hülsmann Kaffee getrunken. Um 2 Uhr fuhr sie wieder nach Hause. Gebe Gott, dass ich sie lebend und gesund wieder sehe. Nachdem ich wieder von meiner Wirtin und dem Fräulein Abschied genommen, marschierten wir zur Bahn und um 4 Uhr 20 ging’s ab von Osnabrück. Der ganze Bahnhof, unterwegs, alles voll Menschen. Ein Gefangenenzug traf gerade auf dem Bahnhof ein. Ein Hurra und Osnabrück lag hinter uns. Die Fahrt ging über Münster, Haltern nach Essen.

OsnabrĂĽcker Zeitung, 18. August 1914

OsnabrĂĽcker Zeitung, 18. August 1914

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