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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»Kriege sind die schwersten Hindernisse für die Entwicklung aller Bestrebungen, die wesentlich auf der Zusammenarbeit von Menschen aller Nationen beruhen, insbesondere aller kulturellen Bestrebungen. Der Krieg beraubt den geistig Arbeitenden der äußeren und inneren Bedingungen, an die sein Streben gebunden ist; ist er noch jung und stark genug, so macht der Krieg ihn zum Sklaven einer auf Vernichtung zielenden Organisation, sonst umgibt er ihn mit einer Atmosphäre der Aufregung und des Hasses. Außerdem schafft der Krieg drückende wirtschaftliche Abhängigkeit auf lange Jahre infolge der mit ihm verbundenen Verarmung. Deshalb muss der Mensch, dem die geistigen Werte die höchsten sind, Pazifist sein.« Albert Einstein 1922 in: Hubert Goenner: Einstein in Berlin. München 2005, S. 45

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

3.–19. Mai 1918

3. Mai 1918. Herrliche Tage. Abends gehen wir am Kanal spazieren, es muss schön gewesen sein hier im Frieden. Leider hat der lange Krieg Menschen und Häuser und alles angegriffen. Alles ist verroht und wüst.

9. Mai 1918. Ich war mit einem Kameraden nach Douai, gingen auch in den Anlagen spazieren. Plötzlich fallen 8 Bomben und töten Militär und Zivil. Frauen und Männer. Ein riesiges Blutbad. An 60 Personen tot und verwundet. Elend und Jammer. Alles war so vergnügt und lebensfroh. Herrliches Wetter und Anlagen. Das Konzert sollte beginnen, die Musik betrat den Kiosk, und da, ohne dass ein Mensch was geahnt und gehört aus höchster Höhe dies Elend. Wie ist der Krieg grausam. Mit dem Leben davongekommen, hab ich Gott zu danken, hatten wir doch Minuten vorher den Unglücksplatz passiert und hatten uns gerade vorn im Park hingesetzt.

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»Wer gefallen ist, steht – er müßte schon besonderes Unglück haben – wieder auf. Die Gefallenen aber in den jahrelangen Schlächtereien sind, richtig benannt, nichts anderes als Ermordete. Selbst der sanftere Ausdruck ›Getötete‹ wäre ungenau. Zu Millionenen Gemordete – bei einwandfreiem Tatbestand, da keineswegs Überlegung und Vorsatz gefehlt haben, Leben zu vernichten. Wenn man, um der Wahrheit zu helfen, übereinkäme, nie mehr von Gefallenen, immer von Ermordeten zu reden – das könnte vielleicht die Neigung zum Kriegführen ausrotten, denkt Funk.« A. M. Frey: Die Pflasterkästen, Ein Feldsanitätsroman, Coesfeld 2015, S. 143

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Pfingsten 1918 (19. Mai 1918). Den 4. Pfingsten im Felde, traurig. So wunderbares Wetter und dies Kriegsleben. Schon früh bin ich aufgestanden, bin um 6 Uhr schon zur Stadt gegangen. Douai ist ja sehr schön, besonders am Sonntagmorgen. Ich war in St. Petri zur heiligen Beichte. Um 9 Uhr war Gemeinschaftslevitenamt vom Militär aus. Es war sehr feierlich, Musik, Chorgesang, Orgel. Der Divisionspfarrer hielt eine sehr schöne Ansprache. Sehr harmonisch war ein während der Kommunion der vielen Soldaten gegebenes Blas- und Geigenspiel. Diese Musik stimmt einen feierlich und bewegt. Was mögen die Anwohner gedacht haben über den großen Andrang zum Sakramentenempfang. Was mögen die Evangelischen gedacht haben, die die Kirche besichtigten. Heute nachmittag war ich im Salut und in der neuen Notre Dame Kirche der Kolonie in der Nähe Sin-le-Noble.

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Der nächste Beitrag erscheint am 26. Mai 2018.

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