Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»All das ist schon tausendfach beschrieben worden, vielleicht lohnt es gar nicht weiter, sich bei dieser stumpfsinnigen, stinkenden Oper aufzuhalten. Vielleicht ist es übrigens nicht einmal sehr nützlich oder treffend, den Krieg mit einer Oper zu vergleichen, schon gar nicht, wenn man kein besonderer Freund der Oper ist, obgleich der Krieg wie sie gewaltig ist, atemberaubend, exzessiv, voller quälender Längen, wie sie furchtbar viel Lärm macht und auf die Dauer meist auch ziemlich langweilig ist.« Jean Echenoz: 14. München 1914, S. 78 f.

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Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—LuxembourgPostkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

5.– 30. Juli 1918

5. Juli 1918. Wieder mal machte ich einen längeren Spaziergang an den Minen, Notre Dame Dechy nach Waziers. Schönes Wetter, die Leute arbeiten in den Gärten, begießen die Früchte, es durstet ja alles so nach Regen. Abgehärmte und schlechternährte Frauen, Männer, verwahrloste, notdürftig bekleidete Kinder führen mir den langen Krieg vor Augen. Das Komitee arbeitet ja nur schlecht, wenig Brot. Und wie in Deutschland hat auch hier die Schlechtigkeit schon lange eingesetzt. Betrug, Diebstahl. Die Reichen essen, die Armen hungern. Wie ist das traurig, sehr traurig. Abgemagerte Frauen sieht man in der Wiese wilde Kräuter suchen. Sie kochen davon ein Gemüse, fristen so ihr Leben erbärmlich. Wie manche Frau erzählte mir schon: Ja, früher, war ich so dick. Jetzt sind sie nur noch Skelette. Dazu kommen tägliche Fliegerangriffe. Täglich wird unter den Zivilisten Opfer gefordert.

7. Juli 1918. Heute am Sonntagmorgen war ich nach Masni. Man kann mit der Elektrischen hinfahren, über Dechy, Lewarde, Masny. In Masny lag ich schon 15 im Mai. Ein selten schönes freundliches Dorf. Sehenswert ist ein großes modernes Landgut mit allem Komfort, neu gebaut, etwas ganz großartiges. Ich fahre jedesmal gerne hin nach M.

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Frankreich, Fr¸hst¸ckszimmer des Generalkommandos

Frühstückszimmer eines Generalkommandos in einem besetzten französischen Chateau. Quelle: Bundesarchiv, Bild 136-0793

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8. Juli 1918. Heute morgen bin ich zum Einkaufen über Lille, Courtrai nach Meulebeke gefahren. Ich traf dort auch unseren alten Tierarzt Wahmhof aus Gesmold. Ich wohnte eine Nacht in Meulebeke. Fuhr heute am 9. Juli über Tielt, Deinze nach Gent, blieb eine Nacht dort und fuhr am 10. Juli über Dendermonde, Zele nach Lokeren und heute am Abend über St. Niklaas, Sinaai, St. Gillis nach Stekene.

11. Juli 1918. Ich schlief hier in meinem alten Quartier. Die Leute freuten sich so, wie sie mich wiedersehen. Hier an der holländischen Grenze, wo die Pappeln dauernd rauschen, hat’s mir ja so gut gefallen. Die großen Höfe mit den schmucken geweißten Häuschen, diese Rasen- und Obstanlagen, alles sieht so einladend aus. Nahe holländische Türme winken so einladend herüber, man sollte überlaufen. Ich fuhr über St. Gillis, St. Niklaas mit seinem goldenen Turmdach, nach Mechelen, wo ich längeren Aufenthalt hatte. Weiter ging’s über Temse an der Schelde, schönes Städtchen, nach Brüssel, wo ich die Nacht blieb.

12. Juli 1918. Heute fuhr ich über Tournai, Lille nach Douai zurück. Ich hatte bis jetzt noch nicht Dendermonde gesehen, kam um 6 Uhr morgens dort an. Es beschleichen einen sonderbare Gefühle, wenn man die ehemalige flotte Handelsstadt an der Schelde kennt. Die meisten Häuser sind feste kaputt und man denkt unwillkürlich: warum gerade diese Stadt. Leute erzählten mir, der Bürgermeister wäre nicht zu den Verhandlungen erschienen, vielleicht war unser Vorgehen auch zu bärbeißig. Von Dendermonde bin ich zu Fuß gegangen nach Lokeren, lange Zeit an der Schelde entlang, die sich ziemlich reißend durch dies flache Gelände zieht. Schiffe zogen schnell an mir vorüber. Interessante Bilder zogen an meinem Auge vorüber.

Von Lokeren fuhr ich über St. Niklaas nach St. Gillis. Von St. Gillis ging ich zu Fuß nahe der holländischen Grenze nach meinem Quartier in Kichenkage bei Stekene. Heute  Abend kam ich in meinem Quartier an. Die Leute freuten sich so. Hab wieder feste Kartoffeln gegessen. Der Wind säuselt so heimatlich durch die Pappeln. Holländische Türme schauen so friedlich herüber. Man möchte nicht wieder zurück in den Krieg.

13. Juli 1918. Heute Mittag bin ich zurück über St. Gillis, St. Niklaas über Temse, malerisch an der Schelde gelegen, nach Mechelen gefahren. Habe mir die Stadt angesehen. Fuhr dann über Brüssel nach Lille, wo ich übernachtete.

14. Juli 1918 . Fuhr heute nach Sin-le-Noble zurück.

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»In der Nacht des 17. Juli 1918 wurden die Romanows in ihrem Unterschlupf bei Jekaterinenburg geweckt. Der Anführer des bolschewikischen Exekutionskommandos, Jakow Jurowskij, erklärte der Zarenfamilie, ›wegen der unsicheren Lage der Stadt‹ müsse er sie in den Keller des Hauses verlegen. Dort sollten sie photographiert werden. Es gab keine Tränen, kein Schluchzen, keine Fragen. Alle reihten sich auf und warteten in Tüll, Brokat und Seide auf den Photographen. Die Tür ging auf. Elf Mann betraten den Raum und eröffneten das Feuer. Nikolaus II. und seine Frau Alexandra, der Sohn Alexej, die Töchter Anastasija, Tatjana, Maria und Olga brachen im Kugelhagel zusammen, mit ihnen vier Bedienstete. […] Die Mädchen starben zuletzt, weil die Geschosse von ihren Broschen und Juwelen abprallten. Die Mörder vollendeten ihren Auftrag mit Gewehrkolben und Bajonettspitzen.« Michael Thumann: Die Zeit, 9. Juli 1998

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»Als Zar Nikolaus II. zusammen mit seiner Frau und den Kindern im Sommer 1918 in Jekaterinenburg im Keller des Hauses erschossen wurde, in dem sie monatelang gefangen gehalten waren, gab das einen Vorgeschmack von der Gewalt, die im Bürgerkrieg und mit dem Fortgang der bolschewistischen Revolution ausgeübt werden sollte.« Herfried Münkler:Der Große Krieg, Die Welt 1914 – 1918; Berlin 2013, S. 735

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18. Juli 1918. Heute von Sin-le-Noble nach St. André. Hat eine schöne neue Kirche, außerdem ein großes Hospital mit Kirche, Lomlet genannt.

20. Juli 1918. Heute fuhr ich nach Meulebeke. So schön friedlich hier, besonders heute am Samstagabend.

21. Juli 1918. Ich war schon früh zur heiligen Messe. Ein Gedränge, alles eilt hier zur Kirche. Ein Gegensatz von Frankreich. Sonntag im Dorf, herrlich, so richtig Sonntagsfriede. Wie soll’s schön werden später, wenn nur Mutter noch dabei sein könnte. Immer wieder muss ich an sie denken. Heute Mittag bin ich über Courtrai nach St. André zurückgefahren.

22. Juli 1918. Heute morgen sind wir schon wieder von St. André nach unserem alten Sin-le-Noble abgerückt. Haben unsere alten Quartiere bezogen.

27. Juli 1918. Heute Abend haben wir per Achse den Marsch nach Sauchy-Cauchy angetreten.

30. Juli 1918. Schon Tage liegen wir hier in dem alten Gelände, dem alten bekannten Dorf, in Quartier. Weit von der Front und mit Bagagen belegt, bietet mir das Dorf gerade was ich brauche. Ruhe, Einsamkeit. Man kann spazieren gehen, mittags zum Baden. So friedlich hier. Leider ist kein Zivil mehr da.

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»Zwischen März und Juli 1918 verlor das deutsche Westheer insgesamt eine Million Mann. Die verbleibenden Truppenverbände bestanden aus erschöpften, ausgehungerten und demoralisierten Soldaten, denen ausgeruhte und kampfesmutige Amerikaner gegenüberstanden, deren Zahl täglich wuchs und die mit dem Panzer über eine neue Waffe verfügten, der die Deutschen wenig entgegenzusetzen hatten. Der Erste Weltkrieg war am Ende auch ein ›contest of endurance‹. Anders als die Alldeutschen unterstellten, spielte die Aussicht auf den dauerhaften Besitz der belgischen Kohlegruben für das Durchhaltevermögen der deutschen Soldaten keine erkennbare Rolle, wohl aber das wochenlange Trommelfeuer, das die Frontsoldaten einem Stress aussetzte, wie er in früheren Kriegen unbekannt gewesen war. Hinzu kamen die stark eingeschränkte Mobilität in den engen, fast immer nassen Schützengräben, die unmittelbare Nachbarschaft von Toten und schwer Verwundeten, die Allgegenwart des Ungeziefers und mehr als alles andere der Mangel an einer realistischen Perspektive, dieser Situation in absehbarer Zeit zu entkommen.« Ernst Piper: Nacht über Europa. Berlin 2013. S. 431

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Der nächste Beitrag erscheint am 1. August 2018.

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