Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Die zweite Marne-Schlacht (15. Juli – 6. August 1918) war die letzte große deutsche Offensive an der Westfront. Wegen der Anfangsprobleme, die die Briten 1916 mit ihren ›Tanks‹ an der Somme hatten, wurden diese von der Obersten Heeresleitung als unbedeutend und ungefährlich angesehen. Man hatte im U-Boot-Krieg die größeren Siegeschancen gesehen. Auch die britischen Erfolge in der ›Tankschlacht‹ von Cambrai am 20. November 1917 brachte die Oberste Heeresleitung nicht zum Umdenken. Die paar Versuchsmodelle, von denen 1918 in Deutschland nur 20 Stück gebaut wurden, waren tonnenschwere, bewegungsunfähige Ungetüme. Die Alliierten dagegen entwickelten weiter an der Tank-Technik. Die größten Erfolge hatten sie mit dem französischen Renault-Panzer. 3200 dieser Panzer wurden gebaut und ab Sommer 1918 eingesetzt, so bei Soissons am 18. Juli 1918 und bei Amiens am 8. August 1818. »Letzteres Ereignis hat Ludendorff in seinen Erinnerungen als den ›schwarzen Tag des deutschen Heeres‹ bezeichnet, weil sich mehr als 30 000 Soldaten an einem einzigen Tag lieber in Gefangenschaft begaben, als gegen diese für sie unbezwingbare Waffe zu kämpfen.« Gerd Krumeich: Die 101 wichtigsten Fragen. Der Erste Weltkrieg. München 2014, S. 120

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

1.–18. August 1918

1. August 1918. Heute fuhr ich wieder nach Meulebeke zum Einkaufen. Hatte längeren Aufenthalt in Courtrai. Morgen fahr ich den alten Weg zurück über In­gelmunster, Courtrai, Lille, Roubaix, Tourcoing, Lille, Douai, Arleux.

18. August 1918. Gestern bin ich wieder zurückgekommen von Flandern. Die Fahrt geht jetzt, da Douai wegen Beschießens gesperrt, über Somain, Marchiennes, Orchies, Lille. Am schönen Mariahimmelfahrtstage war ich in Meulebeke. Auf der Fahrt konnte ich in einem Dörfchen zwischen Lille und Roubaix auch eine Marienprozession ansehen. Auch in Flandern waren die Dorfstraßen mit Blumen bestreut. Heute am Sonntagnachmittag machte ich einen Spaziergang nach Bourlon, wo der Engländer im November 1917 den Vorstoß machte. Traurig dies schöne Dorf in zwei, drei Tagen kaputt. Kein Haus mehr heil geblieben. Tanks sah man noch in den Gräben. Und dann die zwei schönen Schlösser, besonders das an der Kirche gelegene wunderbare Schloss des Vicomte de Francoville, dieser alten französischen Adelsfamilie. Es hat ja seine Schatten gehabt diese alte Adelszeit, aber es berührt einen doch, wenn man mal ein Schloss sieht, das nicht von der Industrie verschlungen.

In Bourlon keine Industrie, keine Fabrik, wie friedlich und alles so grausam zerstört. Dieser herrliche Wald auf der Höhe mit seinen Nussbäumen, die vom Reichtum der Geschlechter der Francoville zeugen, an dem sich das Dorf mit seinen Fermen und Bauernhäusern anschmiegt, sah so traurig aus, so verstümmelt und müde. Was mag alles unter diesen Trümmern begraben sein. Oh, armes Frankreich.

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1918-08-18_Bild 148_472

Orchies 1918, Quelle: Bundesarchiv Bild 146-2008-0076

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»Je schlechter sich die Aussichten entwickelten, desto vehementer wurden jegliche rationalen Einwände als ›Flaumacherei‹ verdammt. Als der Staatssekretär im Auswärtigen Amt Richard von Kühlmann am 24. Juni 1918 im Deutschen Reichstag darlegte, dass ›bei der ungeheuren Größe dieses Koalitionskrieges und bei der Zahl der in ihm begriffenen auch überseeischen Mächte durch rein militärische Entscheidungen allein ohne alle diplomatischen Verhandlungen ein absolutes Ende [des Krieges] kaum zu erreichen‹ sei, wurde er von einem Sturm der Entrüstung hinweggefegt. Ludendorff erzwang namens der Obersten Heeresleitung Kühlmanns Rücktritt, und der kluge, aber linientreue Admiral Paul von Hintze übernahm die Leitung des Auswärtigen Amtes. Die Informationspolitik gegenüber der deutschen Öffentlichkeit beschränkte sich auch weiterhin auf die bekannten Durchhalteparolen. Informationen über die tatsächliche militärische Lage, die die offizielle Siegeszuversicht hätten trüben können, wurden bis zuletzt konsequent unterdrückt.« Ernst Piper: Nacht über Europa. Berlin 2013. S. 430

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Der nächste Beitrag erscheint am 20. August 2018.

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