Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann


Osnabrücker Zeitung 1. August 1914

»Blickt man genauer auf die konkreten Reaktionen der Zeitgenossen Anfang August 1914 und löst sich von der Perspektive späterer Rückblicke, dann gab es neben euphorischen Reaktionen auch viele Menschen, die in Panik als Erstes die Ersparnisse von ihren Bankkonten abhoben und sich aus Angst vor Rationierungen in Hamsterkäufen Lebensmittel sicherten. Wo es im August 1914 zur Kriegsbegeisterung kam, da war sie zumeist der Erleichterung geschuldet, dass die vielfach als unerträglich empfundene Anspannung der vorangegangenen Tage nun vorüber war. Von ihr lässt sich jedenfalls nicht ohne Weiteres auf die Stimmung der gesamten Bevölkerung schließen. In den Zentren der Hauptstädte, an den national aufgeladenen Symbolorten wie den monarchischen Residenzen, dem Berliner Schloss oder dem Buckingham Palace in London, ergaben sich andere Bilder als in den Arbeitervierteln, den Kleinstädten der Provinz oder auf dem flachen Land. Wo es wie in den Hauptstädten zu Zeichen der Kriegsbegeisterung kam, handelte es sich um Reaktio- nen auf die Kriegserklärungen und die Mobilmachungsbefehle. Die Begeisterung selbst war aber keinesfalls eine Kriegsursache. Von einem Drängen der Bevölkerung oder gar einer Bewegung für den Krieg von untern, auf die Politiker und Militärs in ihren Entscheidungen hätten Rücksicht nehmen müssen, konnte keine Rede sein.« Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandorra, Bonn 2014, Seite 130

Albert Einstein erinnert sich an die Zeit vor den Schüssen in Sarajewo: »Weiter ging das Jahr 1914. Der Frühling kam und brachte uns Gewitter von einer ungewöhnlichen Schwere und Häufigkeit. Die Natur schien in Unordnung geraten zu sein. Fast an jedem Tag blitzte und donnerte es, als ob die Welt untergehen wollte, und wieder hub jenes geheimnisvolle Raunen von kommenden großen Ereignissen an, das während des letzten Jahres so ziemlich verstummt war. Es war eine eigenartige, fast traumhafte Stimmung, in der man damals lebte, hin und her gerissen zwischen Kriegsahnungen und Friedenshoffnung. Rauschende Feste wurden gefeiert.« Hubert Goenner: Einstein in Berlin. München 2005, S. 45.
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Mobilmachungsbefehl als Anzeige in der
Osnabrücker Zeitung vom 1. August 1914



Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

Alle Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

2. August 1914

Vorab   Sarajevo. In der Bosnischen Post von Sonntag den 28. Juni 1914: »Eine Bombe und Revolverschüsse gegen den Erzherzog und die Herzogin. Der Herzog in den Kopf und das Bein getroffen, die Herzogin durch einen Herzschuss getötet.«

Erzherzog Franz Ferdinand besuchte zusammen mit seiner Frau Sophie die österreich-ungarischen Streitkräfte in Sarajewo. Dieser Besuch war eine umstrittene Machtdemonstration. Es grenzte an Leichtsinn, dass die Presse Termine und Orte des Besuchs vorab bekannt gab.

Am 23. Juli richtet Österreich ein Ultimatum an Serbien, worin Forderungen enthalten sind, die das Vorgehen gegen die Hintermänner des Attentates betreffen. Am 25. Juli machen beide Länder gegeneinander mobil, ein britischer Verhandlungsversuch scheitert. Am 28. Juli erklärt Österreich Serbien den Krieg. Am 30. Juli macht Russland als Verbündeter Serbiens mobil. Am 1. August erklärt Deutschland Russland den Krieg, gefolgt von der Kriegserklärung an Frankreich am 3. August. Am 4. August marschieren deutsche Truppen in Belgien ein. Daraufhin erklären England und Belgien Deutschland den Krieg. Das Attentat von Sarajevo führte binnen Sechs Wochen zu einem Krieg, nach dessen Ende nichts mehr so sein sollte, wie es vorher gewesen war.

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2. August 1914. Heute hat unser Kaiser die Mobilmachung befohlen. Im Gegensatz zu gestern Abend ist die Stimmung sehr gedrückt. Jeder erzählt mit ernster Miene dem andern, daß Mobil gemacht ist.

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Beschriftung

Das erste Kriegstagebuch von Franz Vogt Auf der vorderen Umschlaginnenseite
macht er genaue Angaben zu seiner Person, sowohl militärische als auch zivile: Gefreiter
der Landwehr / Franz Vogt / Artillerieregiment / Nr. 20 // Meine bürgerliche Adresse /
ist / Franz Vogt / Gesmold / Kreis Melle / Bez. Osnabrück / Pr[ovinz]. Hannover / — —
K[önigreich]. Preußen – Deutschland. Die Einträge beginnen mit »Meine Kriegserlebnisse
im Jahre 1914«.

 

 

 

Eintrag