Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Nachdem die große Offensive an der Marne im Juli 1918 gescheitert und die endgültige Niederlage unvermeidbar war, forderte Erich Ludendorff am 29. September 1918 von Kaiser Wilhelm II einen Waffenstillstand, um Verhandlungen führen zu können. Das 14-Punkte-Programm des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson vom 8. Januar 1918 sollte diesen Verhandlungen zu Grunde gelegt werden. Darin wurden u. a. offene, öffentlich abgeschlossene Friedensverträge und aufrichtige Demokratie vor aller Welt, eine uneingeschränkte Freiheit der Schifffahrt auf den Meeren und die Beseitigung aller wirtschaftlichen Schranken für gleichgewichtige Handelsbedingungen aller Nationen gefordert. In seinem letzten Punkt forderte Wilson die Gründung eines allgemeinen Verbandes der Nationen mit besonderen Verträgen und gegenseitigen Bürgschaften für eine politische und territoriale Unabhängigkeit und Unverletzbarkeit aller Staaten – eine Vorstellung, die sich 1919/20 im Völkerbund und nach 1945 in den Vereinten Nationen erfüllte.
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Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

1.–8. September 1918

1. September 1918. Sonntag. Ich traf meine Truppe nicht mehr in Erschin sondern in Aniche. Wir marschierten des nachmittags über schon wieder nach St. Amand zu, nach Millonfosse, 3 km von St. Amand. Ich lag auf einem alten Bauernhof in Quartier. Immer wieder muss ich denken: wie schön muss Frankreich früher gewesen sein, wie die Menschen noch fromm und gesittet waren. Die alten Gehöfte mit ihren sauberen Wohnräumen, geschmückt mit Heiligenbildern und Figuren. In den Straßenecken die uralten Heiligenhäuschen, alles ist so heimatlich. Leider passen viele Menschen nicht mehr in diese Umgebung. Übermodern, entsittet ist auch das Land mit löblichen Ausnahmen.

2. September 1918. Heute morgen ritt ich schon früh zum Quartiermachen aus. Konnte mir St. Amand ansehen. Ritt auf Conde-Valenciennes zu. Wir kamen in Hergnies in Quartier, lagen dort drei Tage, ein schönes Dorf. Ich lag auf einer kleinen Ferme. Stand mich mit der Besitzerin, einer alten unverheirateten Dame, sehr gut. Wir haben echte Tauschgeschäfte gemacht. Schön war’s. Uralte Nussbäume zierten den geschlossenen Hof. Ein alter Verwalter wurde mein bester Freund. Verlebte schöne Tage.

6. September 1918. Weiter ging’s über St. Amand nach Mouchin. Hier kamen wir in Biwaks.

7. September 1918. Heute kamen wir in Lille in Quartier.

8. September 1918. Sonntag. Wieder konnte ich mal die Rue Nationale hinschlendern, aber es ist nicht mehr das alte Lille. Toter kommt mir die Stadt vor. Bewölkt der Himmel, bewölkt das Herz. Douai, die schöne Stadt, brennt. Das Kriegsglück ist von unserer Seite gewichen. Wie lange noch ist Lille in unserer Hand? Ich wohne bei einer alten Kaufmannsfamilie in dem einstigen Kontore. Lange schon liegt alles still. Lille ist eine schöne Stadt, das muss ich immer wieder sagen. Wann wird die Welt vernünftig?

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Der nächste Beitrag erscheint am 14. September 2018.

 

 

 

 

 

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