Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

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Fotografie: Franz Vogt

Am 5. November 1916 wurde im Namen Deutschlands und Österreich-Ungarns ein neues Königreich Polen ausgerufen: »Seine Majestät der Deutsche Kaiser und Seine Majestät der Kaiser von Österreich und Apostolischer König von Ungarn, von dem Wunsche geleitet, die von ihren tapferen Heeren mit schweren Opfern der russischen Herrschaft entrissenen polnischen Gebiete einer glücklichen Zukunft entgegen zuführen, sind dahin übereingekommen, aus diesen Gebieten einen selbständigen Staat mit erblicher Monarchie und konstitutioneller Verfassung zu bilden.« Bernd Ulrich, Deutschlandradio Kultur, 6. November 2006
Damit schien die polnische Frage gelöst, die seit der Annullierung Polens in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts die europäische Öffentlichkeit bewegte. Jedoch sah das deutsche Kaiserreich in der Konstuktion dieses neugegründeten Königreiches in erster Linie die Möglichkeit, polnische Soldaten für den menschenfressenden Weltkrieg rekrutieren zu können.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

1.–5. November 1916

1. November 1916 Allerheiligen. In meinen Gedanken sonst spürt man nichts davon. Ich denke an Haus.

2. November 1916 Allerseelen. Am Nachmittag war ich hier zum Friedhof, hab eine Aufnahme gemacht, eingedenk des heutigen Tages.

5. November 1916 Sonntag. War heute morgen zur heiligen Kommunion. Hatte dann Dienst und am Nachmittag war ich im Schlosspark spazieren. Es ist so herbstlich schön warm, nicht der Kanonendonner, auch still und feierlich. Heute bin ich besonders mutlos. Was will das werden – immer noch kein Ende. Wenn mein Bruder jetzt auch noch weg muss, ich mag nicht dran denken. Ist denn die Zeit immer noch nicht da, wo Gott ein Einsehen hat und Schluss macht. Was ist das für ein Gottesgericht? Und früher haben wir arglos gebetet: Vor Pest, Hunger und Krieg, bewahre uns, oh Herr.

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Gródek

Am Abend tönen die herbstlichen Wälder
Von tödlichen Waffen, die goldnen Ebenen
Und blauen Seen, darüber die Sonne
Düstrer hinrollt; umfängt die Nacht
Sterbende Krieger, die wilde Klage
Ihrer zerbrochenen Münder.
Doch stille sammelt im Weidengrund
Rotes Gewölk, darin ein zürnender Gott wohnt
Das vergossne Blut sich, mondne Kühle;
Alle Straßen münden in schwarze Verwesung.
Unter goldnem Gezweig der Nacht und Sternen
Es schwankt der Schwester Schatten durch den schweigenden Hain,
Zu grüßen die Geister der Helden, die blutenden Häupter;
Und leise tönen im Rohr die dunkeln Flöten des Herbstes.
O stolzere Trauer! ihr ehernen Altäre
Die heiße Flamme des Geistes nährt heute ein gewaltiger Schmerz,
Die ungebornen Enkel.

Georg Trakl, 1914 (Nach der Schlacht bei Gródek)

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Osnabrücker Tageblatt, 1. November 1916

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Der nächste Beitrag erscheint am 20. November 2016.

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