Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

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Frankfurter Nachrichten und Intelligenzblatt, 1. Juni 1917

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

10.–15. Juni 1917

10. Juni 1917. Die schönen Feste sind alle vorüber. Pfingsten, Fronleichnam. Wie gern hätte man sie zu Haus gefeiert, aber es soll nicht sein. Ob man wohl wieder gesund nach Haus kommt? Da wird sich in meinem Leben doch manches ändern.

11. Juni 1917. Plötzlich kommen wir fort. Schon morgen müssen wir unser trautes Heim verlassen.

12. Juni 1917. Heute Abend habe ich mich schon zur Batterie gemeldet, morgen rücken wir ab.

13. Juni 1917. Heute morgen um drei Uhr sind wir schon abgerückt. 25 km weit nach Lieu-St. Amand, 1 km von Bouchain. Sollen, wie es heißt, einige Tage hier bleiben und dann nach Flandern kommen. Dieses Dorf ist alt, aber für mich sehr schön, wie die meisten Dörfer im Artois. Es ist mir heute eine Vergnügungsfahrt gewesen. Durch Dörfer und Landschaften ging’s, mit den uralten Kirchlein, die von früherem Glanz zeugen, aber jetzt armselig, aber doch so erinnernd und romantisch dastehen. Die alten Fermen und Güter mit den Toreingängen und Taubentürmen.

14. Juni 1917. Wir sind noch in Lieu-St. Amand. Heute Abend war ich lange spazieren und habe dann noch im Garten gesessen. An der anderen Seite war die Schule und Lehrerwohnung. Der Lehrer saß noch lange mit seinen Töchtern bei der Lampe im Garten zur Unterhaltung. Wie ist doch alles so sonderbar. Der Deutsche in Frankreich, schon bald drei Jahre. Wie muss den Leuten zu Mute sein. Sie sind so bedrückt und gezwungen. Man merkt es an ihrem ganzen Wesen. Ich war auch im Pfarrhaus. Wie einem anmutet, dies alte schwere, angegriffene. Es nimmt sich alles so gemütlich aus. Es gefällt mir aber manches nicht. Dies alte Kirchlein hier, erbaut im Jahre 1541, mit dem Friedhof, wo wohl immer ein Kreuz das andere verschoben hat.

15. Juni 1917. Heute morgen war ich in der Herz-Jesu-Andacht. Es war sehr feierlich, gerade wie gestern Abend in der Frohnleichnamsschlussandacht. Die Kirche so schön geschmückt. Der Pastor, ein noch junger Mann, gibt sich augenscheinliche Mühe, um die Sache hochzuhalten. Dafür haben sie kaum zu leben und nur Weiber, Kinder und alte Männer in der Kirche. Was wird der Krieg aus Frankreich machen?

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Tagebuch Jeanne Thomassin, Matton, Ardennen. 1 J 727/1 Archives-Ardennes.

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»Juin 1917, Vendredi 15. Ce matin à 7 h 1/2 a eu lieu l’appel, fait par B. de les travailleurs de 1ère classe. Nous sommes au moins 80 avec les femmes qui sont dans cette classe. Ensuite tout le monde va au champ et c’est comique voir une bande pareille travailler dans le même champ. Tout le monde doit marcher […] On n’a pas le droit d’être malade a dit B«

»Heute morgen um 7:30 Uhr fand ein Appell aller Arbeiter der 1. Klasse (Gruppe, Abteilung?) statt, den B. durchführte. Wir sind in dieser Klasse zusammen mit den Frauen mindestens 80. Danach sind alle aufs Feld gegangen und es ist komisch,  die ganze Gruppe auf dem selben Feld arbeiten zu sehen. Jeder muss mitmachen. »Man hat kein Recht, krank zu sein«, hat B.gesagt.«

Westfront, weibliche Hilfskr‰fte

Weibliche Hilfskräfte im Etappengebiet an der Westfront. Auf dem Wege zur Arbeit 1917. Quelle: Bundesarchiv Bild 183-S29737

 

 

Eintrag