Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Tagebuch Jeanne Thomassin, Matton-Clémency:

Mardi 4 [ l'août 1917] Quel débarras! Tout le dépôt est parti ce matin à 6 heures et celui qui logeait chez nous aussi. Toutes les fois qu’ils partent ainsi, on se dit: Si seulement nous étions un moment tranquilles! Car c’est une autre vie de ne plus en avoir chez soi.

Mercredi 5 La batterie [batteuse] est arrivée depuis hier soir avec les mêmes prisonniers civils.

Dienstag, 4. August [1917] Welche Erleichterung. Das ganze Lager ist heute Morgen um 6 Uhr abmarschiert, auch der, der bei uns wohnte. Jedes Mal, wenn sie so weggehen, hofft man: Wenn es wenigstens für eine Weile ruhig bliebe! Denn es ist doch ein anderes Leben ohne sie.

Mittwoch, 5. August Gestern Abend ist die Dreschmaschine angekommen, mit den gleichen zivilen Gefangenen.
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(Archives-Ardennes – Cahier de Notes appartenant à Jeanne Thomassin / 1 J 727/1 /)

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

10.–19. August 1917

10. August 1917. Heute kommen wir hier weg. Gott sei Dank. Ich bin aus der Stellung über Staden, Zarren, Werken in mein Quartier gegangen.

11. August 1917. Heute morgen sind wir abmarschiert über Werken, Kortemark, Pittem nach Thielt, wo wir in Quartier kamen. Thielt, wo ich schon mal war, ist ein schönes Städtchen von 12 000 Einwohnern. Eine wahre Erholung nach den Strapazen der Front, hier zu weilen am Sonnabend.

12. August 1917. Sonntagmorgen. Ich war in der Kirche. Sind dann um acht Uhr wieder abmarschiert. Eine Lust dieser Marsch durch schöne Dörfer und Prachtfelder. Es ist ja eine Lust, die flandrische Landwirtschaft, alles so proper und genau. In den Dörfern war reges Leben. Glocken läuten. Kirchgänger überall auf den Wegen. Welch ein Unterschied gegen die drei vorigen Sonntage. Eine wahre Erholung. Wir sind in Nevele in Quartier. Ein schönes Dorf, wie gewöhnlich in Flandern. Ein großer Rasenplatz ist unser Park, im Frieden diente er als Schützenplatz. An der äußeren Kante steht eine Gnadenkapelle. Den ganzen Nachmittag pilgern Frauen und Mädchen dorthin. Durchs Dorf fließt ein Kanal. Ich machte herrliche Spaziergänge. Die Abendglocken läuten, wie wohl wird einem da am Herzen. Welch ein Unterschied an der Front und hier, vorigen Sonntag und heute.

13. August 1917. Heute morgen um sieben Uhr Abmarsch von Nevele Richtung Gent durch schöne Fluren, Dörfer. Wieder eine schöne Tour, man lebt wieder ganz auf. Die Obstpracht und Fülle anzusehen ist ja ein Genuss. In der Nähe von Gent kommen dann die Parkanlagen mit den Villen und Landhäusern. Wir wohnen heute in Mariakerke, eine Vorstadt von Gent in der Villa eines reichen Fabrikanten, der nach der Stadt übergesiedelt ist. Die Villa stößt an den Brügge-Gent-Kanal. Es ist sehr schön hier. Alles macht Ausflug nach Gent. Auf dem Kanal herrschte reger Verkehr. Schlepper zogen auf und nieder. Der Kastellan, mit dem ich mich heute Abend im Garten lange unterhalten, hat mir die Verhältnisse genau geschildert. Er klagte über den schlechten Lohn, dabei war der Besitzer achtfacher Millionär. Derselbe machte viel Geschäfte in Deutschland, sprach sehr gut Deutsch, hatte deutsche Schulen besucht. Das schönste sind ja hier die Gärtnereien. Sowas hat man wohl nur in Erfurt, vielleicht steht’s den prachtvollen Anlagen hier noch nach.

14. August 1917. Um acht Uhr abgerückt kommen wir um zwei Uhr in Dankmann an, einem kleinen Dorfe, acht Stunden vor Antwerpen. Ich hatte wieder ein gutes Quartier. Die Leute waren 14 alle auf ein paar Tage nach Holland geflüchtet, aber sofort wieder zurückgekommen. Hier in Ostflandern ist die Gegend nicht so schön wie in Westflandern. Die Bevölkerung scheint auch ärmer und etwas zurück. Sind aber alle freundlich und zuvorkommend.

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L. M. und Schw! Bin jetzt hier. Es geht mir gut, hoffe das auch von Euch. Fr. Gruß, Franz. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

15. August 1917. Heute marschierten wir um acht Uhr von Dankmann ab und kamen um 12 Uhr in Stekene bei Antwerpen, eine halbe Stunde von der holländischen Grenze in Quartier.

16. August 1917. Stekene ist eine kleine Stadt. Hat mit anliegenden Bauerschaften 8000 Einwohner. Die Gegend ist hier nicht so anmutig und freundlich wie in Westflandern. Man merkt, es geht an die Waterkante, sind ja dicht vor Antwerpen und nahe an der holländischen Grenze.

18. August 1917. Bin heute nach Antwerpen gefahren. Ein großartiger Anblick, wenn man von St. Anna über die Schelde die stolze Stadt sieht. Nachdem man über den 500 m breiten Fluss gesetzt, kommt man sofort an die Kathedrale und so in die Hauptstadt. Habe heute die Stadt mit der Tram kreuz und quer durchfahren.

19. August 1917. Heute am Sonntag war ich früh zum Hafen. Konnte die verschiedenen Docks und die vielen Lagerhäuser ansehen. Habe auch den gehobenen Dampfer Gneisenau angesehen. Was für ein Leben muss hier vor dem Krieg geherrscht haben. Heute nachmittag hab ich die Museen, städtischen Anlagen, die Boulevards mit den reichen Patrizierhäusern, die Wohnungen der reichen Handelsherrn angeschaut. Ich war in der Use-Lew-Fruwe-Kathedrale, der Stolz Antwerpens, in der Messe. Ich hatte auch Gelegenheit, das dunkle Viertel Antwerpens zu berühren.

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Der nächste Beitrag erscheint am 20. August 2017.

 

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