Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

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Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

11. November 1918

Seit gestern liegen wir in Ukkel bei Brüssel in Quartier. So mitten im Villenteil, herrliche Parkanlagen. In den Räumen des spanischen Konsuls, einem über 100fachen Millionär. Sehr schön hier und wie wir leben. Am Bahnhof steht ein Zug neben dem anderen. Diese Züge waren für die Front mit Lebensmittel und Material bepackt. Sie kommen nicht mehr an Ort und Stelle. Jetzt werden sie ausgeplündert. Soldaten verkaufen an die Zivilisten, ein tolles Durcheinander. Man kann jetzt haben, so viel man will. Für Groschen kauft das Zivil die kostbaren Sachen.

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Aus dem Tagebuch von Jeanne Thomassin, Matton-Clémency, nach mehr als 4 Jahren deutscher Besatzung:

1918, Lundi 11, Novembre: Date inoubliable pour nous de même que celle du 1er Août 1914. Ainsi c’est vrai, l’armistice est signée depuis midi et les Allemands vont évacuer les pays envahis. Toute la matinée encore, j’étais incrédule bien que les soldats affirmassent tous que le canon cesserait à midi. Après la terrible nuit que nous venons de passer qui aurait pu croire tout aurait été fini aujourd’hui! On raconte que le bombardement était sur Mouzon et que les Allemends y ont mis volontairement le feu, faisant sortir les civils qui étaient restés dans les caves. Pauvres gens, à la veille de la fin de la guerre, se trouver sans abri, et peut être sans nourriture. Pour nous ici, nous avons eu une chance inesperée, car si la guerre eut continués, nous aurions été certainement bientôt bombardés ou évacués. Les soldats qui sont ici chantent et ceux qui passent nous crient: la guerre finie madame! Beaucoup ont jeté leurs fusils, leurs cartouches et les autres fourniments. Ils partent tous à 2 heures pour faire place aux troupes du front qui vont aussi repasser. On espère n’en plus voir dans 2 ou 3 jours et alors, quelle joie quand nos Français vont arriver victorieux, puisque les A[llemands] sont obligis de retourner à leur honte. Ah! je voudrais bien les revoir tous ceux que m’ont dit qu’ils iraient à Paris en vainqueur pour leur demander s’ils ne se trompent pas de chemin !! Mardi 12. On bassine que nous sommes Français depuis hier à 11 h 5 du matin. Nous devon nettoyer le village, arborer les drapeaux et décorer les maisons en attendant les troupes alliées. Avec quelle joie, nous allons nettoyer et décorer partout ! Mais le plus important nettoyage pour le village, c’est d’être débarassé des Allemands. Nous allons maintenant attendre avec grande impatience nos Français !

1918, Montag, 11. November. Für uns ein unvergessliches Datum, wie auch der 1. August 1914. Es ist also wahr, seit Mittag ist der Waffenstillstand unterzeichnet und die Deutschen verlassen das heimgesuchte Land. Den ganzen Vormittag war ich fassunslos, dass alle Soldaten versicherten, dass die Kanonen am Mittag aufhören würden. Nach der schrecklichen Nacht, die wir gerade erlebt haben – wer hätte gedacht, dass alles heute beendet sein würde! Es wird gesagt, dass Mouzon bombardiert wurde und dass die Deutschen absichtlich das Feuer eröffnet hätten, um die Zivilbevölkerung, die in den Kellern geblieben war, zum Verlassen des Ortes zu zwingen. Arme Menschen, am Vorabend des Endes des Krieges ohne Dach über dem Kopf und ohne Nahrung zu sein. Für uns hier war es ein unerwarteter Glücksfall, denn, wenn der Krieg weitergegangen wäre, wären wir sicher auch bombardiert oder evakuiert worden. Die Soldaten hier singen und die vorbeikommen, rufen uns zu: Der Krieg ist vorbei, Madame! Viele haben ihre Gewehre, ihre Patronen und andere Ausrüstungsgegenstände weggeworfen. Sie verlassen uns um 2 Uhr, um Platz für Truppen von der Front zu machen, die auch wieder vorbeikommen. Wir hoffen, dass wir davon in zwei oder drei Tagen nichts mehr sehen – welche Freude, wenn unsere Franzosen siegreich ankommen, denn die Deutschen müssen sich schämen. Ach! ich würde sie gerne wiedersehen, die mir gesagt haben, sie würden als Sieger nach Paris ziehen, um sie zu fragen, ob sie sich nicht in der Richtung geirrt haben!! Dienstag, 12. Es mag sich langweilig anhören (einem auf die Nerven gehen), zu betonen, dass wir seit gestern Vormittag 11:05 Uhr Franzosen sind. In Erwartung der alliierten Truppen müssen wir das Dorf putzen, die Fahnen hissen und die Häuser schmücken. Welche Freude, alles zu putzen und zu schmücken! Aber der größte Putz ist, befreit zu sein von den Deutschen. Jetzt erwarten wir mit großer Ungeduld unsere Franzosen! (Übers. G.F.) (1 J 727/1   Archives-Ardennes – Cahier de Notes appartenant à Jeanne Thomassin)

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Berliner Tageblatt, 11. November 1918

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In den frühen Morgenstunden des 11. November 1918 unterzeichneten im Wald von Compiègne Marschall Ferdinand Foch (Frankreich), Admiral Sir Rosslyn Wemyss, Admiral George Hope und Kapitän Jack Marriott (Großbritannien), Matthias Erzberger*, Graf Alfred von Oberndorff, General Detlof von Winterfeldt und Kapitän Ernst Vanselow (Deutschland) den Waffenstillstandsvertrag. Am gleichen Tag schwiegen um 11 Uhr an allen Fronten die Waffen.

The eleventh hour of the eleventh day of the eleventh month. In Frankreich Armistice und in den Ländern, die zum damaligen British Commonwealth gehörten und für diesen im Ersten Weltkrieg kämpften, Armistice Day, Remembrance Day oder Veterans Day. Ein Tag der Erinnerung und des Gedenkens an die Toten und Verletzten, an die zerrissenen Familien, an die, deren Haus und Hof zerstört wurden. Mohnblumen aus Papier als Anstecker am Revers erinnern in Frankreich und Großbritannien an die blutgetränkten Felder Flanderns. Heute ist die klare Botschaft: Friedenssicherung und Völkerfreundschaft. Und es gelingt, dass Deutsche, die in Frankreich leben, zusammen mit ihren französischen Nachbarn an den Gedenkfeiern teilnehmen.

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In Deutschland beginnt am 11. November um 11 Uhr 11 die Narrenzeit.

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* Der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger wird am 26. August 1921 von Männern der rechtsextremen Terror-Organisation Consul O. C. während einer Wanderung im Schwarzwald erschossen. Die Mörder Heinrich Tillessen und Heinrich Schulz konnten fliehen und wurden 1933 im Rahmen der so genannten Straffreiheitsverordnung von 1933  amnestiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden beide gefasst und zu 15 bzw. 12 Jahren Haft verurteilt, dann aber nach nur wenigen Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen.

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Der nächste Beitrag erscheint am 16. November 2018.

 

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