Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»Mit täglich 550 Eisenbahnzügen – an den Seiten teilweise mit der Kreideinschrift ›nach Paris‹ versehen und von der begeisterten Bevölkerung mit Blumen geschmückt – fuhren jetzt grau uniformierte deutsche Truppen Richtung Belgien. […] Die weit kleinere belgische Armee leistete jedoch unerwartet hartnäckigen Widerstand. Die Deutschen, genauso pferdenärrisch wie die Briten, hatten acht Kavalleriedivisionen zu je 5000 Pferden in ihr Invasionsheer aufgenommen – mehr Reiter, als in Westeuropa je zuvor in den Krieg geschickt worden waren. Doch sie stellten rasch fest, dass die Lanzen und Säbel ihrer berühmten Ulanen gegen die wuchtige Wirkung der belgischen Schnellfeuergewehre nichts auszurichten vermochten. Hunderte Ulanen wurden aus dem Sattel geschossen. Ein Festungsring rund um das nahe der deutschen Grenze gelegene Lüttich verzögerte die Invasion zusätzlich, bis die Forts von riesigen Belagerungsgeschützen – jedes so groß, dass es von 36 Pferden gezogen werden musste – übergabereif geschossen wurden. Die Explosionen ihrer Granaten schleuderten Erde und Trümmer 300 Meter hoch in die Luft.« Adam Hochschild: Der große Krieg. Bonn 2014, S. 145 f.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

11. Oktober 1914

Weiter ging’s in Feindesland. Man sah direkt über der Grenze die Spuren des Krieges. Da lagen schon die Lokomobilen, welche die Belgier in den Tunnel getrieben, um die Bahnstrecke unpassierbar zu machen. Gleich darauf passierten wir 20 bis 30 Tunnels. Wir sehen schon demolierte Häuser und kamen an Verviers, der ersten Stadt in Belgien. Verviers ist wunderschön gelegen. Deutsche Beamte begrüßten uns mit Hurra. Zerstörte Waggons stehen auf dem Bahnhof herum. Kein Bahnvorsteher. Schöne Villen am Berge. Reißende Flüsse rollen durch die Stadt. Alles scheint nach Wohlhabenheit und Luxus.

Weiter geht’s durch Täler und Schluchten. Man sieht ganze Strecken in Felsen gehauen. Zivilvolk sieht man wenig, aber deutscher Landsturm winkt munter. Doch da war, ist das eine belgische Dame? Winkt auch, aber schüchtern.

Wieder ein kleiner Ort mit Namen Pyierter, märchenhaft schön. Wir passieren weiter Trooz, Chênée-Angleur, überall dieselben Naturschönheiten. Starke Ströme, hohe Felsenwände, schöne Häuser. In Angleur sahen wir schon deutsche Beamte mit ihren Frauen. Landsturm schreitet die Straßen ab.

Weiter fahren. Langsam setzt sich der Zug in Bewegung. Es geht auf Lüttich zu. Sämtliche Fenster der Waggons sind belegt. Keiner will sich etwas von den Schönheiten der Natur entgehen lassen, die solch ein schönes Land bietet. Wir biegen um eine Kurve und von Ferne sehen wir Lüttich, hoch und sonnig gelegen. Wie ist mir ums Herz bei diesem Anblick der schönen Stadt Lüttich, wo so mancher deutsche Kamerad vor Kurzem sein Leben lassen musste.

Lüttich. Halt. Aussteigen. So sind wir denn angekommen auf dem Fleckchen Erde, der vor kurzem alle Aufmerksamkeit auf sich lenkte, wo eine Schlacht geschlagen, die einzig in der Geschichte dasteht. Wo an die 2000 deutsche Krieger ihre letzte Ruhestätte gefunden. Und wie viel feindliche Kameraden mussten ihr Leben lassen, von wahnwitzigen Heerführern in den Kampf getrieben.

Das Leben in Lüttich geht seinen gewohnten Gang. Die Fabriken und die Industrie arbeitet weiter. Hauptsächlich sind es große Gewehr- und Munitionsfabriken, welche schon für Deutschland arbeiten. Man sieht auch die hohen Forts, wo so viel Blut geflossen und die total von unseren schweren Geschützen kaputt geschossen.

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