Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»Das Jahr 1917 wurde bestimmt von dem Nebeneinander der sich immer mehr ausweitenden Kriegsziele und der verstärkten Suche nach Friedenslösungen. Ob man die Friedensresolution des deutschen Reichstages nimmt, die persönliche Initiative des neuen Kaisers Karl, der mit einem Sonderfrieden hoffte, die Habsburgermonarchie zu retten, oder die Friedensnote des Papstes Benedikt XV. im August 1917: Es kam Bewegung in die Politik. Der amerikanische Kriegseintritt, die Gefahr einer Revolution nach russischem Muster und die Erschöpfung der Kriegsgesellschaften ließen die Chance auf ein Ende des Krieges greifbar nah erscheinen. Gerade Papst Benedikts Friedensnote ging weiter als die früheren Bemühungen: Sie enthielt keine vagen Bekenntnisse zum Austausch von Meinungen oder zu den Rechten und berechtigten Forderungen der Völker, sondern nahm konkrete Schritte in den Blick, um den Krieg zu beenden und einen stabilen Frieden zu erreichen. Der Papst forderte gleichzeitige und allgemeine Abrüstung, ein System der internationalen Schiedsgerichtsbarkeit und die Freiheit der Meere. Auf Kriegsentschädigungen sollte im gegenseitigen Einvernehmen verzichtet werden, die besetzten Territorien seien zu räumen. All das nahm zahlreiche Aspekte auf, die der amerikanische Präsident wenige Monate später im Januar 1918 in seinen 14 Punkten formulierte, um seinerseits auf die Initiativen der Bolschewiki seit November 1917 zu reagieren.« Jörn Leonhard: Der globale Moment, ZEIT Geschichte Nr. 2, 16. Mai 2017

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

20.–31. Dezember 1917

20. Dezember 1917. Traurig, auch in Beveren muss Zivil fort, darunter auch unser Wirt. Und alles kommt so schnell, die Leute sind sofort zur Bahn, um nach Antwerpen transportiert zu werden. Wenn sie sich dort gewöhnten ist es besser wie hier. Sind sie doch auch nicht mehr Herr im Hause. Militär und immer Soldaten.

24. Dezember 1917. Weihnachtsabend. Heute abend hatten wir Fest. Haben uns die Heimwehgedanken durch Biertrinken verscheucht.

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Horace Pippin (1888–1946) Dogfight Over the Trenches (1935), Öl auf Leinwand, Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Smithsonian Institution, Washington, DC

Horace Pippin, ein schwarzamerikanischer Maler aus West Chester, Pennsylvania, erreichte am 27. Dezember 1917 Frankreich. Es war der erste Transport, mit dem die USA schwarze Soldaten in die Kampfgebiete brachten. 24 Tage dauerte die Überfahrt. Mit Begeisterung wurden sie, die Höllenkämpfer, von den französischen Soldaten empfangen, die seit drei Jahren kämpften und verzweifelt auf Hilfe warteten.

Horace Pippin wurde von einem deutschen Dum-Dum-Geschoss so schwer an der Schulter verletzt, dass der Arzt die Schulter operativ mit einem Stahlblech am Oberarm befestigen musste. Im Unterschied zu gewöhnlichen Gewehr- oder Pistolenkugeln wirken Dum-Dum-Geschosse wie explodierende Granaten, sie zersplittern beim Einschlag in den Körper die Knochen und zerreißen das Gewebe. Im Artikel 23 der Haager Landkriegsordnung von 1907 (von Berlin unterschrieben) wurden solche Geschosse, die unnötig Leiden verursachen, ausdrücklich verboten. Die Haager Konvention gilt bis heute.

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25. Dezember 1917. Habe heute Urlaub genommen nach Brügge. Bin heute morgen abgefahren, kam um Mittag in Brügge an. Schon der Stil des Bahnhofs deutet hin auf das Schöne, was ich heute sehen soll. Vor dem Bahnhof im Soldatenheim, wo ich kurze Rast hielt, sitzen Soldaten am Ofen und träumen von der Heimat. In der Ecke steht ein Christbaum. Kinder verkaufen Ansichtskarten. Ein Apfel und Butterbrot, welches ich ihnen teile, mundet ihnen vorzüglich. Ich machte einen Spaziergang durch die Hauptstraße und staune wie ein Glockenspiel seine holden Weisen über die Stadt tönen lässt. Nachher besuche ich die Hauptkirche, wo gerade der Bischof eine Andacht hält. Ein kaufmännischer Verein singt und spielt schöne Weihnachtsweisen. Das Ehre sei Gott klingt aus den Kinderkehlen wie Himmelsmusik. Auch höre ich die bekannte Melodie: Herbei, oh ihr Gläubigen. Nachher habe ich meinen Spaziergang fortgesetzt, habe den alten Marktplatz mit dem Belfried bewundert, die alten Giebelhäuser, Rathaus und die anderen Herrlichkeiten. Abends war ich in Alt-Brügge im Konzert. Ein großer Christbaum brannte, eine Zivilkapelle spielte, ein schöner Weihnachtsabend im Kriege. Wer hätte daran gedacht, dass ich Weihnachten in Brügge verlebte.

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26. Dezember 1917. Heute morgen war ich in St. Jakob in der heiligen Messe. Nachher war ich zum Hafen, habe U-Boote, Torpedos, Zerstörer und große Dampfer angesehen. Ein wüstes Leben. Seemöwen flatterten über dem Wasser. Nachmittags war ich noch im katholischen Kasino im Konzert. Abends bin ich fortgefahren, in dem Bewusstsein, schöne Tage verlebt zu haben.

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31. Dezember 1917. Das Jahr ist hin. Was soll man sagen? Ob wir in diesem kommenden Jahr Frieden bekommen? Wann wird die Welt vernünftig werden?

 

 

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