Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Graf Ferdinand von Zeppelin fühlt sich gleich zu Beginn des Krieges trotz seiner 76 Jahre einsatzbereit für den Luftkampf. Er selbst will den ersten Flug wagen, die erste Bombe über London abwerfen. Doch der Kaiser zweifelt, ob das so gut für sein Image und für den Fortgang des Krieges ist, wenn er gleich zu Beginn seine Onkel und Tanten, Vettern und Cousinen in England durch ein Bombardement angreifen lässt. Der alte Graf fühlt sich zu Unrecht abgewiesen. Er ist nicht allein mit seinen Ideen und Plänen. Neben Krupp in Essen arbeiten etliche Fabriken fieberhaft daran, Waffensysteme für Luftschiffe und Flugzeuge zu entwickeln.
Im Januar 1915 fielen die ersten Bomben, von Zeppelinen abgeworfen, auf die Hafenanlagen von London und verursachten Panik, Tod und Zerstörung. Der Glaube an diese Wunderwaffe zerbrach erst, als die Alliierten eine neue Brandmunition einsetzten, die die Luftschiffe brennend vom Himmel fallen ließ.

Ludwig Renn über die Märsche in Nordfrankreich: »Ich weiß nicht, wie viele Tage wir marschierten. Ich kann mich überhaupt der Einzelheiten dieser Märsche nicht erinnern. Wir waren schweigsam geworden. Es regnete Tag für Tag. In den Nächten froren wir in den durchnässten Sachen. […] Immer weiter ging es hinter der Front nach Norden.« Ludwig Renn: Krieg. Frankfurt am Main 1928, in der Neuauflage Berlin 2014, S. 101.
Boult-sur-Suippe vor dem Ersten Weltkrieg

Boult-sur-Suippe vor dem Ersten Weltkrieg



Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

15. Oktober 1914

Unser Nachtquartier Necci verließen wir 7 1/2 Uhr morgens. Wir marschieren immer stramm auf die Gefahr hinein zu. Das Wetter war sonnig warm, das Gelände meist mit Zuckerrüben bepflanzt. Kriegsverwüstungen sah man hier nicht. Die Straßen waren wie bei uns und gut gepflegt. An einigen Stellen wurde gedroschen auf dem Felde. Es sind meist Großgrundbesitzer, deren Äcker nur schlecht ausgenutzt. Alles geht mit Maschinen. Man sieht schon in der Ferne Flieger, Fesselballons am Firmament aufsteigen. Dazu ständiger Kanonendonner. Bei dem Dorfe Bonchinvart wird abgekocht. Auch hier gehen Kolonnen Autos, Transportwagen toll durcheinander. Flieger kreisen zu uns her. Wieder wird aufgebrochen. Kommen durch ein feines Städtchen, Neufchâtel, sehr schöne Kirche, am Turme sitzen wohl tausend Tauben. Diese findet man in Frankreich überhaupt sehr viel. Neufchâtel ist auch ganz deutsch. Zur Wache war das Landsturmbataillon Solingen kommandiert. Alle Häuser voll Truppen. Hier traf ich auch Conrad Gerve und Gerding aus Gesmold. Frankreich fängt an schöner zu werden. Wir treffen ein freundliches Auto, welches direkt von Osnabrück gekommen mit Liebesgaben und jetzt auf dem Heimwege begriffen. Da wir ein Auto-Ersatzbataillon 78 bei uns hatten, waren viele Kameraden da, welche die Herren kannten, und so wurde dasselbe freudig bestürmt. Berge Ansichten und Feldpostkarten haben wir mit nach Deutschland getan, welche wohl in drei Tagen dort sein werden.

Weiter geht’s. Die Straßengräben voll Überbleibsel und Ausrüstungsstücken. Man sieht Reste geschlachteter Tiere, tote Pferde, kaputte Wagen. Auch einzelne frisch bepflanzte Gräber.

Heute Abend liegen wir in Boult in Quartier. Alles ist stockfinster im Orte. Ein Suchen nach Quartieren, schon alles belegt. Ich finde Unterkunft auf einem Hofe. Hof kann man’s nicht nennen, doch wird Landwirtschaft betrieben. Das meiste Korn wird in Frankreich ja wohl auf dem Felde gelassen und auch dort gedroschen. Die Leute hatten schon viel Einquartierung gehabt. Lebensmittel sehr rar. Abends saß ich mit mehreren Kriegsfreiwilligen in der Küche. Die Kameraden konnten französisch schwatzen und so wurde die Geschichte sehr gemütlich. Wir haben unsere Eiserne Portion verspeist und die Tochter hat mitgegessen. Wir erzählen, dass Antwerpen gefallen. Das wollten sie aber nicht glauben. Sie meinten, die Russen wären vor Berlin, traurige Unwissenheit.

______

1914-10-15_Berliner_Börse_472

Berliner Börsen-Zeitung, 15. Oktober 1914

»Saint-Saëns gegen Wagner-Aufführungen. Der bekannte Komponist Camille Saint-Saëns wendet sich in einem Artikel im Echo de Paris gegen die Aufführung Wagnerscher Werke in Frankreich. Er stellt die Frage: Werden Sie einem berühmten Sänger zuhören und ihm Beifall zollen, wenn er Ihre Mutter beschimpft hat? Mehr als die Sprache mute die Musik die Seele eines Volkes an, und ich beklage es schmerzlich, daß 40 Jahre lang Wagnermusik auf ein ihr widerstrebendes Volk losgelassen worden ist. Frankreich darf nicht vergessen, daß Wagner der Rasse angehört, die so viele Massakres von Frauen und Kindern beging, die Hospitäler beschoß, Kathedralen zerstörte und ihren Haß gegen alles, was französisch sei ausdrückte. […]«

Eintrag