Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»Insgesamt erlitten Schätzungen zufolge über eine Million Soldaten Gasvergiftungen; mehr als 90.000 starben daran. Chemische Kampfstoffe führten zwar nur bei einem Prozent der von 1914 bis 1918 Gefallenen zum Tod, doch starben unzählige Soldaten nach dem Krieg vorzeitig, viele wurden blind, durch Lungenresektion zu Vollinvaliden oder litten bis an ihr Lebensende an Atemnot. Ein Mahnmal in Steenstraat bei Ypern erinnert.« Bruno Cabanes/Anne Duménil (Hrsg.): Der Erste Weltkrieg, Eine europäische Katastrophe. Bonn 2013, S. 93.
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Berliner Tageblatt, 9. Juli 1916

»Der sogenannte Erste Weltkrieg forderte fast 9,5 Millionen tote und 20 Millionen verwundete Soldaten. Von denen blieben viele lebenslang Krüppel. Die meisten Toten stammten aus Deutschland, danach aus Russland, und dann in etwa gleichen Zahlen aus Frankreich und Österreich, nämlich, jeweils in Millionen: 2 Millionen Deutsche, 1,8 Russen, 1,4 Franzosen, 1,1 aus dem alten Österreich-Ungarn. Wenn man diese toten Soldaten einmal auf die Zahl der jungen Männer überträgt, die auf jeder Seite in den Krieg gezogen waren, dann hatten Frankreich und Deutschland im Kriegsverlauf etwa gleichermaßen jeden sechsten ihrer Soldaten zu beklagen. Das englische Kontingent, das Frankreich zu Hilfe kam, verlor weit mehr: nach derselben Rechnung nämlich fast zwei Drittel seines Bestands, beinahe eine Million Soldaten. Halb so groß war die Zahl der Todesopfer bei den italienischen Truppen, die erst im Sommer 1915 in den Krieg eingriffen. Die amerikanische Armee, eingesetzt im Westen erst in den letzten Monaten der Kämpfe, verlor 115.000 Mann. In der deutschen Armee dienten rund 100.000 Soldaten jüdischer Herkunft. Rund 30.000 davon wurden ausgezeichnet. Mehr als 12.000 sind gefallen. Man müsste dieser Statistik noch eine zweite hinzufügen: Über all die Lebenswege nämlich, die durch den Tod oder auch durch die lebenslange Behinderung eines Soldaten verändert oder ganz gestört worden sind, unmittelbar oder mittelbar bei dessen Frau und Kindern.« Ferdinand Seibt: Das alte böse Lied, München 2000, S. 93

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

Alle Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

16.–23. Juli 1916

16. Juli 1916. Schnell ist die Woche vorübergegangen. An der Front alles ziemlich ruhig, bis auf Freitagnacht. Da wurde dreimal mit Gas angegriffen. Vorher ein Feuerüberfall. So hab ich’s überhaupt noch nicht gehört. Unsere Batterien mussten sofort in Stellung. Der ganze Himmel war rot von Feuer. Ein Säuseln war in der Luft von dem Luftdruck. Unsere 91er und 55er sind abgelöst, durch geschlagenes Regiment ersetzt, um nach Péronne zu kommen.

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Ervillers, den 21/7. 1916. Liebe M. u. Geschw. Habe heute Abend Eure Karte erhalten, mir fehlt augenblicklich nichts. Ich freue mich, daß Heinrich immer noch was verkauft, nehme doch an, daß Ihr auch was verdient damit. Geld scheint nicht knapp zu sein. Franz. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

23. Juli 1916. Ohne besondere Ereignisse ist die Woche hingegangen. Links dauern die Kämpfe fort. Unsere Regimenter sind wieder zurückgekommen, total geschlagen, mit großen Verlusten. Wie sie hinfuhren konnte ich noch M. Wortmann begrüßen. Ob er wohl wieder zurückgekommen ist – ich weiß es noch nicht. Gestern war ich an der Front. Es ist dort jetzt sehr ruhig. Die Hauptkämpfe spielen sich bei Péronne ab. Ich war im Laufe der Woche in Hamelincourt, Lowy, St. Martin, Boucelles. Alles kleine Ackerdörfer, bestehend aus einigen großen Fermes, einer Kirche und kleinen landwirtschaftlichen Arbeitern. So richtig altertümlich sieht’s aus in den Dörfern. Große Torbogen mit Türmen und große Taubenschläge. Alles macht den Eindruck, dass die Landwirtschaft nicht so stark ausgenutzt wird wie in Deutschland.

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The New York Herald, European Edition, June 27, 1916. (International Herald Tribune, A Retrospective of News From 1887 to 2013. IHT Archive)

Der nächste Beitrag erscheint am 30. Juli 2016

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