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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

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Berliner Tageblatt, 4. Juni 1916

In den Kriegsjahren lernte Franz Vogt zu fotografieren, mühsame Versuche mit einfachen Mitteln. Oft machte er während der Feuerpausen kleine Basteleien aus Fundsachen oder herumliegenden Munitionsteilen. Wie viele andere Soldaten auch, formte er Brieföffner, Kerzenständer, Aschenbecher, manchmal auch Schmuckstücke, z. B. kleine Aluminium- oder Messingringe. Manches wird noch heute in den Familien aufbewahrt.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

Alle Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

Kontakt: mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

18.–25. Juni 1916

18. Juni 1916. Sonntag heute. Die Woche ist wieder ohne Veränderung verstrichen. Ich war mehrere Male nach Achiet – le Grand – Bihucourt, St. LĂ©ger. Die Vorbereitungen auf neue Offensive werden immer mehr. Neue Truppen, neue Stellungen werden gebaut.

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Ervillers, den 25/6. 1916 / Unsere KĂĽhe wie sie aus der Weide kommen, es sind 60 StĂĽck. Konnte sie alle nicht aufs Bild kriegen, wollten nicht stehen bleiben. Hinten stehen die Kuhhirten. / GruĂź Franz. Fotografie: Franz Vogt

25. Juni 1916. Wieder Sonntag. Immer dasselbe. Fronleichnam, nichts von gemerkt. Die Zivilleute sind zur Kirche gegangen, aber armes Frankreich, die meisten haben Kirche und Gott verlassen oder sind doch ganz gleichgültig. Was ist dagegen Fronleichnam zu Hause in Deutschland. Zwar treten auch da Störungen auf, aber kein Vergleich. Gestern am Samstag wurde die Flieger- und Artillerietätigkeit an der Front sehr lebhaft und steigert sich heute zu Heftigkeit.

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»Bomben auf die Manege. Karlsruhe, 22. Juni 1916: Der Zirkus Hagenbeck gastiert in der Nähe des Ettlinger Tors, als französische Bomben auf die Stadt fallen. Für die Karlsruher beginnt Fronleichnam 1916 als schöner, sonniger Tag. Der Zirkus Hagenbeck gastiert in der Stadt und hat sein Zelt auf dem Festplatz nahe dem ehemaligen Hauptbahnhof aufgeschlagen. Eintrittskarten werden zu 1,50 Mark oder 2 Mark verkauft. Doch der 22. Juni 1916 soll zum schlimmsten Tag für Karlsruhe im Ersten Weltkrieg werden. Während die Nachmittagsvorstellung im Zirkus läuft, greifen französische Flieger die Innenstadt an und werfen etwa 40 Bomben ab. Sie schlagen auch neben dem Zirkus ein. 120 Menschen, überwiegend Kinder, sterben. 169 weitere werden verletzt. Die Menschen in Karlsruhe sind entsetzt. Denn erst wenige Tage zuvor hat es eine Gedenkfeier für die 30 Toten gegeben, die dem ersten Fliegerangriff durch die Franzosen am 15. Juni 1915 zum Opfer gefallen waren. Im ganzen Deutschen Reich ist der Bombenangriff Thema in der Presse und in der Propaganda: ›Der Kindermord von Karlsruhe‹ lautet eine der Schlagzeilen.

Jahrzehntelang glaubt man in der Fächerstadt, bei der Bombardierung des Zirkus hätten die französischen Flieger eigentlich den Bahnhof treffen wollen. Sie hätten aber veraltete Karten gehabt, auf denen der neue, 1913 eingeweihte Bahnhof im SĂĽden der Stadt noch nicht eingezeichnet gewesen sei. Erst jĂĽngste Forschungen haben ergeben, dass die Franzosen ihre Bomben auf die Karlsruher Innenstadt wahrscheinlich ohne konkretes Ziel abgeworfen haben – als Vergeltungsschlag fĂĽr einen deutschen Luftangriff auf das lothringische Bar-le-Duc am Himmelfahrtstag.« (https://www.swr.de/geschichte-des-suedwestens/zeitstrahl/1916__erster-weltkrieg-karlsruhe-bomben-auf-die-manege 2. September 2016, 23:14)

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Im Juni 1916 nehmen die Kämpfe um Verdun apokalyptische Ausmaße an. »Die Schlacht wird ein Alptraum für die Menschen in Lothringen und für Hunderttausende Soldaten. Sie werden verrückt, verwundet, verstümmelt. Sie lassen ihr Leben in Schlamm und Dreck, zwischen Ratten und Leichenteilen, erschossen, verbrannt, zerfetzt.« Aus: Alptraum Verdun, ein Film von Mathias Haentjes und Werner Biermann, 2004.

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Der nächste Beitrag erscheint am 2. Juli 2016

 

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