Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

1914-10-18_BT_236
Berliner Tageblatt, 18. Oktober 1914

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

18. Oktober 1914

Heute ist Sonntag. Wir hatten auch Kirchgang. Die Katholischen um 7 Uhr und die Evangelischen um 1/2 10 Uhr. Ich war nachmittags in der Kirche und auf dem Kirchhof. Die Kirche ist ganz schön mit Figuren beladen, jedoch ist dieselbe nicht schön sauber sondern etwas verwahrlost. Der Kirchhof ist sehr schön mit schönen Denkmälern geziert. Es scheint hier auch sehr viel Gewicht darauf gelegt zu werden.

Überall sieht man die Greuel des Krieges. In der Ecke an der Kirche hat sich in der Angst eine Henne mit Küken verkrochen. Ist dort tatsächlich verschmachtet.

Die Kirche hat im Gegensatz zu den belgischen Kirchen wieder Bänke. Das Herz wird mir schwer, wenn ich die Turmglocken schlagen höre oder den Gottesacker durchquere und an die Leute denke, welche doch auch katholisch und denen die Kriegsgreuel so arg mitspielen.

Vor der Kirche steht das Pfarrhaus. Ein alter Abbé geht soeben über die Straße. Vor der Kirche steht auch die Mairie, das hiesige Bürgermeisteramt. Dieselbe ist ausgebrannt, der Maire entflohen.

______

»Der Große Krieg von 1914 bis 1918 war nicht nur die ›Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts‹, wie ihn der amerikanische Diplomat und Historiker George F. Kennan bezeichnet hat, sondern auch das Laboratorium, in dem fast alles entwickelt worden ist, was in den Konflikten der folgenden Jahrzehnte eine Rolle spielen sollte: vom strategischen Luftkrieg, der nicht zwischen Kombattanten und Nonkombattanten unterschied, bis zur Vertreibung und Ermordung ganzer Bevölkerungsgruppen, von der Idee eines Kreuzzugs zur Durchsetzung demokratischer Ideale, mit der die US-Regierung ihr Eingreifen in den europäischen Krieg rechtfertigte, bis zu einer Politik der revolutionären Infektion, bei der sich die Kriegsparteien ethnoseparatistischer, aber auch religiöser Strömungen bedienten, um Unruhe und Streit in das Lager der Gegenseite zu tragen. Der Erste Weltkrieg war der Brutkasten, in dem fast all jene Technologien, Strategien und Ideologien entwickelt wurden, die sich seitdem im Arsenal politischer Akteure befinden. Schon deswegen lohnt sich eine sorgfältige Beschäftigung mit diesem Krieg. «Herfried Münkler: Der Große Krieg. Die Welt 1914 – 1918, Berlin 2013, S. 9

Eintrag