Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

20.–23. August 1917

20. August 1917. Wir sind heute morgen von Antwerpen abgereist. Nachdem wir in dichtem Nebel über die Schelde gesetzt, welche hier 450 m breit, fuhren wir von St. Anna über St. Niklaas nach Sinaai, wo wir ausstiegen und nach Stekene zurückfuhren.

22. August 1917. Heute fuhr ich über Sinaai nach Lokeren zum Regiment. Lokeren ist ein schönes Städtchen, hat Hafen und zwei schöne Kirchen, ein großes Männerkloster. Ich besuchte auch Verwandte von meinen Quartiersleuten, welche mich sehr freundlich aufnahmen. Die Leute sind alle so nett hier in Flandern, noch freundlicher wie in Westflandern. Man fühlt sich hier so heimatlich. Heute Abend fuhr ich zurück um elf Uhr. Es war stockfinster. Sonderbare Gefühle beschleichen einen, wenn man so in fremder Gegend unweit Antwerpen durch die stille Nacht fährt. Wer hätte so etwas geträumt. Die Pappeln, der Hauptbaum hier, rauschen, gespensterhaft glänzt das Wasser in den Niederungen, kein Mensch weit und breit. Mehrere Dörfer in stiller Ruh. Was lässt einen der Krieg alles erleben. Was man in früheren Jahren als Abenteuer betrachtet hätte, ist jetzt etwas Alltägliches.

23. August 1917. Heute fuhr ich nach St. Gillis, direkt an der Grenze. Es hatte auch seine eigenen Reize dieses Gelände, die durchwühlten Sandwege, den unbefriedigten Kämpen mit den durch den scharfen Wind überfegten Äckern. Windmühlen bringen etwas Abwechslung ins Bild. Holländische Kirchtürme ragen aus den Bäumen. Vor uns liegt ein Land, in dem kein Krieg ist. Auf den Wegen gehen die Menschen, alle grüßen mit ihrem: Goten Dag min Herr. Arbeitsame, fleißige Leute. Nicht reich, sie arbeiten um ihr täglich Brot und sind zufrieden. Nicht fein gesittet, aber bieder und fröhlich. Alle auf Frieden hoffend und auf bessere Tage.

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Der nächste Beitrag erscheint am 26. August 2017.

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