Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Ein württembergischer Offizier schrieb am 23. August 1918 aus der Region Laon an seine Frau: »Es geht sehr lebhaft zu. Heute nacht wurde 3 mal alarmiert. An Schlafen ist nicht zu denken. Es wird furchtbar geschossen und die Flieger entwickeln eine große Tätigkeit. Die sehr harten Kämpfe sind nicht gerade immer zu unseren Gunsten. […] Die Franzosen, Engländer, Australier, Amerikaner und Schwarze drängen ungestüm in Massen nach. […] Die Verpflegung dürfte besser sein. Froh bin ich, daß ich wenigstens noch Cigarren von meiner alten Truppe mitgenommen habe, auch die fehlen hier. Zu trinken, 1 Flasche Mineralwasser in 8 Tagen, da bleibt man nüchtern. […] In der Gegend sieht es trostlos aus. Es ist keine Stadt oder Ortschaft, in der auch nur noch ein Haus ganz ist, also von Ortsunterkunft gar keine Rede, es gibt nur Biwaks.«

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

20.–27. August 1918

20. August 1918. Heute fuhr ich wieder auf mehrere Tage nach Belgien. Man wird so be­kannt dort wie in der Heimat. In Meulebeke bin ich wie zu Hause im Dorf. Viele Familien kennen mich. Hauptsächlich hab ich ja mit Frauen zu tun. In so manche Familie hab ich Einblick. Flandern hat doch mit Deutschland vieles gemein, nur etwas roher wie in deutschen katholi­schen Familien. Aber echt katholisch. Man spricht von dem Kongo und den Kolonien. Ihre Söhne gehen als Missionare dort hin. Man findet es in jedem Dorf. Tief religiös sind die Leute. Ich kam zurück über Lille, Somain nachts in Sauchy-Cauchy an.

25. August 1918. Heute Angriff an der Front wie noch nie. Wir müssen zurück. Bin heute als Quartiermacher über Oisy-le-Verger, Bugnicourt, Villers-en-Ais nach Erschin geritten. Hier kamen wir in Quartier. Es ist hier eine schöne Gegend. Seen, Täler und Höhen wechseln ab. Erschin liegt freundlich an der Höhe, ein schönes Schloss ziert, wie in jedem Dorfe, auch hier den Ort. Kirche und Schloss zum Lazarett eingerichtet.

27. August 1918. Heute fuhr ich wieder nach Belgien zum Einkaufen. An der Front bis nach Flandern hinein dumpfes Grummeln. Ob die Entscheidung naht? Ob wir nach 4 Jahren tapferen Streitens doch unterliegen? Überall Rückzug und Verluste. Fast sollte man sagen müssen: denn alle Schuld reiht sich auf jeden.

Ich kam um 1 Uhr nachts wieder in Sin-le-Noble an. Versprengte Infanterie erkletterte den Zug. Derselbe war so voll, dass die Federn die Last nicht tragen konnten. Sie stießen auf und gaben ein ekliges Geräusch. Mir wurde ungemütlich und ich stieg vor dem Ziel aus. In Sin-le-Noble war’s auch schlecht. Es wurde die ganze Nacht hereingeschossen. Oh armes, schönes, friedliches, Douai, sollst auch du noch ein Opfer des Krieges werden?

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Der nächste Beitrag erscheint am 1. September 2018.

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