Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Der schottisch-australische Sänger Eric Bogle sah 1976 die Soldatenfriedhöfe aus dem Ersten Weltkrieg in Nordfrankreich und Flandern. Diese Eindrücke waren Impulsgeber für No Man’s Land, auch unter den Titeln The Green Fields of France oder Willie McBride. Willie McBride ist der Name auf einem der vielen Kreuze. Er starb mit 19 Jahren. Hannes Wader hat 1980 in Anlehnung an den Text von Bogle eine deutsche Fassung mit dem Titel Es ist an der Zeit aufgenommen. Bei der Demonstration in Berlin gegen den Irak-Krieg im Februar 2003 wurde das Lied von Hannes Wader, Konstantin Wecker und Reinhard Mey gemeinsam vorgetragen.

»Am 21. März 1918 nahm er [Winston Churchill] seinen Posten als Munitionsminister zum Vorwand, um der Front einen Besuch abzustatten. Er verbrachte die Nacht in einem Divisionshauptquartier in Nordfrankreich, als der lange erwartete deutsche Angriff endlich begann. Von dem höher gelegenen Hauptquartier übersah man viele Kilometer der Front. ›Und dann begann, ganz genau so, wie ein Pianist auf der Klaviatur die Finger vom Diskant bis zum Bass herunterlaufen lässt, in nicht ganz einer Minute das furchtbarste Trommelfeuer, das ich je gehört habe‹, schrieb er. Das deutsche Feuer ›zog sich rings um uns in einer weit gestreckten Kurve aufzuckender roter Flammen hin, die ... kein Ende fand.‹ Das war der schwerste Artilleriebeschuss, dem die britische Armee je ausgesetzt wurde; die Schriftsteller Leonard und Virginia Woolf konnten ihn in ihrem Haus in Sussex über den Ärmelkanal hinweg hören. In einer nie dagewesenen Konzentration jagten schwere deutsche Geschütze mehr als eine Million Granaten aus ihren Rohren […].« Adam Hochschild: Der große Krieg. Bonn 2014, S. 402.



Louis Oppenheim 1918. Werbeplakat zum Zeichnen von Kriegsanleihen. »Landwirte! Bauern! Pferde Fahrzeuge Geschirre Feldbahngerät Motorlokomotiven Kraftfahrzeuge Futtermittel u.a. Vorräte Landw. Maschinen, -Geräte und Werkzeuge Eisen-Stahl Draht etc. Fabrikeinrichtgn. u. Maschinen Nutzholz Baumaterial Webstoffe Rohstoffe und vieles andere aus den Beständen des Heeres und der Marine sind nach Freiwerden gegen Kriegsanleihe käuflich! Die zu 98% ausgegebenen Kriegsanleihen werden laut Erlaß des Kriegsministers bei Verkäufen und Versteigerungen mit 100% in Zahlung genommen. Die mit Kriegsanleihe zahlenden Käufer erhalten den Vorzug!«
Quelle:Bundesarchiv Plak 001-005-078

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

20.–31. März 1918

20. März 1918. Heute Abend gehe ich in Stellung

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»Ein Ende der Misere war nicht in Sicht, auch wenn im März 1918 ›Der letzte Hieb ist die 8. Kriegsanleihe‹ plakatiert wurde. Tatsächlich war es dann auch gar nicht die letzte; im September 1918 wurde mit mäßigem Erfolg noch eine neunte Kriegsanleihe aufgelegt.« Ernst Piper: Nacht über Europa. Berlin 2013, S. 431.

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Verbandstelle an Angriffsfront vor Arras. Quelle: Bundesarchiv Bild 183-R05910

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21. März 1918. Gestern Abend 11 Uhr kam ich in Stellung. Musste Brieftauben vorher empfangen in Ecourt St. Quentin. Jetzt ist der Tag vorüber, der schwere. Die ganze Nacht saß ich am Telefon. Heute morgen 5.05 Uhr ging das Trommeln los. 9.40 griff die Infanterie an und durchstieß die Stellungen. Eine ununterbrochene Kette Gefangener zieht an mir vorüber, nachdem ich um 2 Uhr frei wurde. Um 3 Uhr konnte der Engländer nicht mehr hinter uns schießen. Viel Elend sah ich, auch viel Mitleid. Unermüdlich schleppen Engländer unsere und ihre Verwundeten. Ich habe gesehen, wie sie wirklich sich ihrer annahmen. Tausend sind vorbeigezogen. Die harte Gefangenenbehandlung fiel weg, ich sah wie Deutsche mit dem Engländer ihr bisschen Trinken teilten. Heute Abend bin ich zurück zur Gefechtsbagage gegangen, wir liegen im Biwak an der Straße Arras — Cambrai.

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1918-03-21_Brieftauben_Bild 162-472

Brieftaubentrnsport im Ersten Weltkrieg. Quelle: Bundesarchiv Bild 162-002

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23. März 1918. Ich schlief im Zelt, welches wir uns selbst bauten. Pferde stehen draußen. Ich war heute in Baralle, wo ich früher gelegen.

24. März 1918. Palmsonntag auf dem Schlachtfeld. Tote überall. – Schönes Wetter. Großes Erleben auf dem Schlachtfeld.

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»Unser neues Riesengeschütz – von Krupp. Der Kaiser an Herrn Krupp v. Bohlen. Essen, 27. März. [1918] Vom Kaiser erhielt Herr Krupp v. Bohlen und Halbach nachstehendes Telegramm: Ihr neues Geschütz hat mit der Beschießung von Paris auf weit über 100 Kilometer Entfernung seine Probe glänzend bestanden. Sie haben mit der Fertigstellung des Geschützes der Geschichte des Hauses Krupp ein neues Ruhmesblatt hinzugefügt. Ich spreche daher Ihnen und allen Mitarbeitern Meinen Kaiserlichen Dank für diese Leistung deutschen Wissens und deutscher Arbeit aus. Wilhelm I. R.« Vossische Zeitung, Berlin, 28. März 1918

Die Rede ist vom sogenannten Paris-Geschütz, ein Fernkampfgeschütz der Firma Krupp vom Kaliber 21 cm mit einer Reichweite von über 100 Kilometern. Zwischen März 1918 und August 1918 wurden von diesen Geschützen etwa 800 Granaten auf Paris abgefeuert. Auch das brachte weder den Sieg noch den Frieden. Die Geschütze wurden mit ihren Ersatzrohren zurückgezogen und verschrottet.

An der Westfront begann sich das Blatt zu wenden. Die seit März 1918 massiven Verluste demoralisierten die deutschen Truppen.

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Ostern 1918 (31. März 1918) Wir sind zurück nach Cagnicourt. Wohnen im Zelt. Was hat man gesehen! In Gedanken zu Haus. Viel Flieger, tausend Bomben. Bei Cagnicourt große Fermen und Gärten, alles kaputt.

Osterabend. Die Flieger sind zahlreich. Überall Bomben. Der Mond scheint hell. Ich stehe auf dem Schlachtfeld, wo vor dem Jahr und noch kürzlich die Granaten heulten und jetzt liegt alles so still friedlich. Der Kanonendonner sehr fern. Zerfetzte Bäume, kaputte Häuser, Trichter, Eulen schreien.
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Frankreich, Bourlon, englischer Panzer Mark I

Zerstörter englischer Panzer auf dem Schlachtfeld von Bourlon bei Cambrai. Februar 1918. Quelle: Bundesarchiv, Bild 104-00965

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