Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Franz Vogts Einträge in diesen Tagen, in denen die Ausweglosigkeit für niemanden mehr zu übersehen ist, erscheinen wie ›das Pfeifen im Wald‹. Lieber wegschauen, als der Wirklichkeit ins Auge blicken. Im Herbst 1918 zersetzte sich die Westfront zunehmend. Spontane Soldatenstreiks an allen Frontabschnitten. Versorgungsengpässe sowohl an den Fronten wie auch in der Heimat.

»Nachdem was bei dem Rückzug in Gegend von Laon geschehen [ist] und [was ich] miterlebt habe, ist der Ausgang des Krieges nicht verwunderlich. Die Anzahl und das Material der Gegner ist viel zu übermächtig. Dabei hält die beste Truppe nicht mehr Stand. Unsere Verbündeten sind noch schwächer als wir und ich wunderte mich nur, daß diese Staaten so lange aushalten. Die feindlichen Tanks brachten die Situation so weit, einzig und allein diese.« (Ein Soldat aus Württemberg, Laon, 20. Oktober 1918.)


»Wer Banknoten hamstert und Darlehensscheine, handelt töricht. Sie sind zinslos, bei Brandfällen und Diebstählen tritt völliger Verlust ein. Wer Kriegsanleihe zeichnet, handelt klug. Sein Geld ist ebenso sicher angelegt wie in Banknoten, und noch nützlicher, denn er erhält halbjährlich totsicher seinen Zins.«
Vossische Zeitung, 31. Oktober 1918

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

20.–31. Oktober 1918

20. Oktober 1918. Rumillies, Sonntag. Die Glocken läuten zur Messe. Die Menschen eilen zum Gotteshaus. Das Dorf voll Militär. Kanonen rasseln. Noch kein Schuss. Der Engländer ist noch nicht so weit. Bange Gesichter überall. Die armen Einwohner, sie müssen einem leid tun. Die Soldaten sind so unehrlich geworden in diesen 4 Jahren. Aus einem französischen Kloster werden die Sachen alle man so herausgeschleppt. Ich wohne auf einer kleinen Ferme. Tief traurig und ängstlich gucken die Leute aus den Augen.

22. Oktober 1918. Jetzt wohne ich bei der Kirche in einem Estaminet. Mutter und Tochter. Heute Abend sausten die ersten Granaten ins Dorf. Angst und Schrecken unter den Einwohnern. Wann wird dies Elend enden?

24. Oktober 1918. Ich bin mit der großen Bagage heute morgen abgerückt über Frasnes nach Buissenal, wo ich meine Wagen einquartierte. Wir blieben zwei Tage dort, marschierten dann weiter nach Wannebecq bei Lessines. Wir wurden hier wieder in einer großen Ferme einquartiert.

27. Oktober 1918. Sonntag. Es ist sehr schön hier auf der Ferme. Leider müssen wir heute wieder weiter. Die Glocken läuten zur Messe, reges Leben auf den Straßen. Die Militärflüchtigen müssen sich stellen, um zurückgeschafft zu werden. Flüchtlinge, unsere Kolonne, die Straßen überfüllt, ein tolles Leben. Wir marschieren nach Lessines, einer kleinen Stadt voller Truppen. Das Gedränge so groß, dass wir 2 1/2 Stunden auf der Straße halten müssen. Ein Glockenspiel tönt so anmutig über der Stadt. Wir marschieren bis zu einer großen Ferme zwischen Bois de Lessines und Bievéne, wo wir übernachten. Nette Leute. Echt flämisch. Ich war mit meinem Wagen ganz frei und allein.

28. Oktober 1918. Wir marschieren weiter nach Edingen (franz. Enghien). Eine schöne Stadt mit einem großen Männerseminar. Weiter geht’s nach Herfelingen, wo wir auf einer ganz großen Ferme einquartiert werden. Es war das reinste Zigeunerleben, hat mir Spaß gemacht.

29. Oktober 1918. Heute morgen wurde ich abgeholt zum Stabe zurück. Die Fahrt ging über Edingen. Von Edingen nach Ath, wo wir ausspannten. Dann weiter Leuze, einer kleinen Stadt, welche ich noch nicht gesehen. Weiter nach Thimougies, wo wir liegen.

31. Oktober 1918. Zwei Tage bin ich hier. Die Kanonen grölen, das Zivil ist alle noch da, die Glocken läuten wie im Frieden, ein sonderbarer Krieg. Ich treffe so gute Leute hier, bin sogar freundschaftlich mit ihnen. Allerheiligen, das 5. Mal im Felde. Jedes Jahr andere Verhältnisse. Schöne Allerheiligen habe ich schon erlebt, dies Jahr war wohl das schlechteste.

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Der nächste Beitrag erscheint am 6. November 2018.

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