Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Ludwig Renn über dieses Gefühl von Einsamkeit: »Unterdessen ging das Leben sehr alltäglich weiter, mit Stiefelputzen, Schanzen und Postenstehen. Wenn man wenigstens einen Menschen hätte, mit dem man sprechen könnte!« Ludwig Renn: Krieg. Frankfurt am Main 1928, in der Neuauflage Berlin 2014, S. 125.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

22. November 1914

Sonntag in Feindesland. Man merkt hier weiter nichts vom Krieg als das Donnern der Geschütze, welches heute ausnahmsweise stark war. Ich konnte in die Messe gehen, konnte Essen bereiten und dann wieder ins Hochamt. Ruhe hatten wir. Die Kameraden spielen Karten, schreiben Briefe und unterhalten sich von der Heimat und den Kriegserlebnissen.

Die Wagen, welche in Feuerstellung waren, sind schon früh wiedergekommen. Heute Abend habe ich Tee bereitet, ein Getränk unserer Ostfriesen, welche es als ihr Nationalgetränk bezeichnen. In diesen Ostfriesen haben wir plumpe und roh gesittete Kameraden. Mit der Reinlichkeit nehmen sie’s nicht sehr genau und einen Appetit entwickeln dieselben, der geradezu beängstigend ist. Ein Teil unserer Kolonne ist aus Hannover Stadt. Ich glaubte bis jetzt nicht an den Unterschied auf so kleine Entfernungen. Ostfriesen und Hannoveraner, kolossaler Unterschied in Charakter und Sitten. Ich will diese beiden Stämme nicht beschreiben, nur eines: Der Ostfriese bölkt alles aus was er denkt und der Hannoveraner ist verbissen, ist schlecht was herauszukriegen. Ich habe keine Freunde unter beiden finden können. Unsere Osnabrücker sind mir lieber.

1914-11-22_50 vaches et 15 veaux_472

Notiz der deutschen Besatzer über den Empfang von 50 Kühen und 15 Kälbern.(Archives départementales des Ardennes, Charleville)

Matton-Clemency ( 1914 ca. 1200 Einwohner) stand von August 1914 bis November 1918 unter deutschem Kommando. Zur Versorgung der Truppen wurde bei der französischen Bevölkerung requiriert. Anmerkung von François Gille, Matton-Clemency 2016: Das Vieh wurde geschlachtet zur Belieferung der Feldküchen. Die milchgebenden Kühe wurden von der Kommandantur registriert und in den meisten Fällen auch requiriert. Ebenso ging es mit Geflügel, Kaninchen, Gemüse, Getreide, Heu und Stroh. Sogar Möbel, Decken, Bettwäsche unterlagen der Abgabepflicht. Nach einem Erlass aus Carignan vom 5. Juni 1916  hatte die Bevölkerung pro Person nur einen wöchentlichen Anspruch auf 150 g Fleisch und 200 g Kartoffeln. Die Kartoffelration erhöhten die Deutschen später auf 350 g. Ein Bewohner aus Sedan schrieb 1916: »Wir sind hungrig – vor und nach dem Essen!«

 

 

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