Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

In Künstlergruppen wie z. B. die Brücke oder der Blaue Reiter herrschte im Sommer 1914 zum großen Teil ein zuversichtlicher Optimismus mit dem Blick auf eine neue Zeit, auf ihre neue Zeit. Viele meldeten sich als Freiwillige, junge Männer, die in ihrer Unschuld und Naivität noch daran glaubten, dass Kriege eine Welt verbessern könnten. Nationenübergreifende enge Freundschaften zwischen europäischen Künstlern des frühen 20. Jahrhunderts zerbrachen an den Fronten des Ersten Weltkriegs. »Das Militärleben war nichts für mich. Natürlich, ich lernte Reiten und die Pflege von Pferden, doch die Kanonen ließen mich kalt. Der Dienst war zu schwer für mich; ich wurde dünner und dünner« (Ernst Ludwig Kirchner in: E. Gordon; E. L. Kirchner, Cambridge, Mass., 1968, S. 26) In dieser Zeit, 1915, entsteht ein Selbstbildnis, auf dem Kirchner seine rechte Hand, die Malhand, als einen blutigen Stumpf zeigt.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

25.–30. Januar 1915

25. Januar 1915 Wieder haben wir mit den Batterien Fahrübung gehabt und heute nachmittag hatten wir im Park zu tun. Holz zu fällen und Wege auszubessern.

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Reims, Hôtel de Ville – Bazancourt 25. Januar 15. Meine Lieben! Sende Euch schönen Gruß aus Feindesland. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

26. Januar 1915 Jetzt müssen wir wieder Holzkohlen brennen für die Unterstände. Heute nachmittag habe ich ein interessantes Kommando. Muss nämlich mit zwei Kriegsfreiwilligen nach dem Fort Brimont, um feindliche Schüsse zu beobachten und dieselben festzulegen, damit wir Entfernung und Ziel entdecken. Jetzt, abends, liegen wir in den Kasematten. Um 7 Uhr bin ich ausgezogen auf Posten. Ein komisch Gefühl, wenn man da oben auf luftiger Höhe steht und beobachtet jeden Schuss, der fällt. Hinwegsehend über ein demoliertes Landhaus, worin ein Kommandant der Festung gewohnt haben soll. Links von uns sieht man im Mondschein Weinberge. Ich freue mich schon auf morgen früh, wo ich bei Tage beobachten kann.

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»In der Wahrnehmung der Soldaten kam Sonnenaufgang und Sonnenuntergang eine wichtige Bedeutung zu. Im Licht eines neuen Tages fanden die Vorbereitungen zu den großen Offensiven statt. Aus den Schützengräben heraus wirkte der Himmel in einem besonderen Licht. Aber die alte Vorstellung des Himmels als Symbol von Hoffnung und Frieden, als universeller Ort der Reinigung des Menschen, ja seine Erlösung, machte einer gesteigerten Angst der Soldaten Platz. Der Himmel büßte seine überkommenen ästhetischen und moralischen Bedeutungen ein. Die Morgendämmerung wurde zur Gefahrenzone, und gerade das deutsche Wort ›Morgengrauen‹ in seinem charakteristischen Doppelsinn reflektierte diese Verwandlung des Himmels in der Wahrnehmung durch den Krieg.« Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. München 2014, S. 329

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27. Januar 1915 Mittag ist’s. Wir sind wieder im Quartier angekommen. Wurden mit dem Wagen abgeholt. Es war interessant was ich vorige Nacht und heute morgen erlebt habe. Ich hatte auf dem Fort von 1 bis 3 Posten mit einem Kriegsfreiwilligen. Da der Feind in dieser Nacht überhaupt nicht geschossen, bin ich in das Dorf Brimont gegangen. Es war schöner Mondschein, konnte so alles klar beobachten. Wie hab ich gestaunt, das Dorf war menschenleer, sämtliche Häuser kaputt geschossen und gebrannt. Es wurde mir doch sonderbar zumute in dieser Verwüstung. Schloss Brimont lag rechts vor mir unten im Tale auch ganz deutlich. Heute nachmittag fahren wir wieder zur Beobachtung nach Brimont und zwar haben wir uns hierzu freiwillig gemeldet.

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Kaisers Geburtstag, der 57. Berliner Volks-Zeitung, Mittwoch, 27. Januar 1915: »Wir beglückwünschen heute den deutschen Kaiser, die sichtbare Verkörperung des großen, uns allen teuren Reichsgedankens, als den Mann, der in großer und schwerer Schicksalsstunde das große und schöne Wort gesprochen hat: ›Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche.‹ «

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28. Januar 1915 Wieder haben wir die Nacht im Fort zugebracht. Diese Nacht wurde Brimont wieder stark beschossen von der schweren feindlichen Artillerie. Den Morgen haben wir dazu benutzt, uns das Fort mal richtig anzuschauen. Es ist doch eine riesige Bauerei. Diese Gewölbe, Gänge und Hallen und darüber Berge Erde mit Bäumen bepflanzt. Wie mag’s hier im September hergegangen haben. Viele Gräber auf dem Fort, in den Gärten, im Dorfe, selbst blutige Matratzen in den Kasematten sind Zeugen der fürchterlichen Kämpfe. Heute erwarten uns in Bazancourt große Überraschungen. Wir kommen jetzt sicher hier weg. Der eine sagt nach Russland, der andere Verdun, der andere Sedan. Wer weiß es? Unsere Offiziere wissen es auch nicht.

29. Januar 1915 Tatsächlich, wir kommen weg aus dieser Gegend. Unsere Batterien sind schon aus der Stellung heraus und die Stellung von anderen Batterien besetzt worden. Unsere 9 cm Geschütze sind ganz nach 29 km von hier zur 4. Armee gebracht worden. Unsere Munitionswagen stehen schon zur Packung und Reinigung in den Quartieren.

30. Januar 1915 Jetzt heißt es doch, dass wir zum linken Flügel verschoben werden sollen. Bestimmtes weiß keiner. Und dann sollen wir nach ganz hinter der Front zur Reserve entlassen werden. Was das zu bedeuten hat, kann man sich kaum erklären. Jedenfalls kommt danach eine tolle Zeit.

 

 

 

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