Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»Im Juli war eine halbe Million deutsche Soldaten an der Spanischen Grippe erkrankt. Da die Truppenärzte der Epidemie vollkommen hilflos gegenüberstanden, setzte sich ein Strom von mehr oder weniger stark Erkrankten von der Front in Richtung der Etappenbahnhöfe in Bewegung, wo nach Deutschland abgehende Züge regelrecht gestürmt wurden.« Herfried Münkler: Der große Krieg – Die Welt 1914 – 1918. Berlin 2013
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Rudyard Kipling
The Question 1916

Brethren, how shall it fare with me
When the war is laid aside,
If it be proven that I am he
For whom a world has died?

If it be proven that all my good,
And the greater good I will make,
Were purchased me by a multitude
Who suffered for my sake?

That I was delivered by mere mankind
Vowed to one sacrifice,
And not, as I hold them, battle-blind,
But dying with open eyes?

That they did not ask me to draw the sword
When they stood to endure their lot --
That they only looked to me for a word,
And I answered I knew them not?

If it be found, when the battle clears,
Their death has set me free,
Then how shall I live with myself through the years
Which they have bought for me?

Brethren, how must it fare with me,
Or how am I justified,
If it be proven that I am he
For whom mankind has died --
If it be proven that I am he
Who, being questioned, denied?
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Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

26.–30. Mai 1918

26. Mai 1918. Wir sind noch immer in Waziers. Heute war ich nach einem nahen Dorfe, Frais-Marais, ein ganz schöner Spaziergang. Konnten auch so ein richti­ges altes Schloss ansehen. Wie muss Frankreich früher schön gewesen sein. Jetzt hat die Industrie diese alten Herrensitze alle verschluckt.

28. Mai 1918. Heute sind wir von Waziers nach Douai übergesiedelt. Bleiben jetzt hier vorläufig in Quartier.

30. Mai 1918. Heute Fronleichnam. War im deutschen Hochamt in St. Petri. Es war große Prozession, die Kirche voll Soldaten. Das Zivil staunte. Offiziere trugen Kerzen, vor den Sakramenten großer Prunk. Auch französische Geistliche wohnten der Feier bei. Täglich werden Bomben geworfen. Öfter am Tage heult das Alarmhorn über der Stadt. Es ist für die Zivilisten auch sehr traurig. Ich dachte auch viel an Haus. Es ist ja so schön dort am heutigen Feste. Aber jedesmal drückt mich ein tiefer Schmerz nieder, Mutter ist nicht mehr dabei. Ich kann mir nichts mehr schön vorstellen zu Hause, alles öde. Ich glaube, Mutter werde ich mein ganzes Leben vermissen.

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» ›Eine merkwürdige Krankheit mit epidemischem Charakter ist in Madrid aufgetreten‹, kabelte die Presseagentur Fabra im Mai 1918 in die Welt. ›Die Epidemie ist von einer milden Form, Todesfälle wurden bisher nicht gemeldet.‹ Der dürre Zweizeiler aus Madrid ging als eine der größten Falschmeldungen des 20. Jahrhunderts in die Geschichte ein. Denn die ›merkwürdige‹, aber angeblich harmlose Krankheit war ein Killer: eine Influenza, ausgelöst vom Vogelgrippe-Virus-Typ A, hochaggressiv und extrem vermehrungsfreudig, wie Forscher dem 2005 im Labor rekonstruierten Erreger bescheinigten. Mindestens 25 Millionen Tote, nach neueren Hochrechnungen von Medizinhistorikern sogar fast 50 Millionen Menschenleben, forderte die Seuche in den folgenden zwei Jahren – das wäre mehr als das Dreifache der 15 Millionen Weltkriegstoten und vergleichbar nur noch mit der großen Pest von 1348, die 570 Jahre zuvor ein Drittel der Bevölkerung Europas ausgelöscht hatte. […] Dass es sich um Influenza-Viren handelte, war damals noch nicht bekannt – diese wurden erst 1933 wissenschaftlich nachgewiesen. Und so griff vielerorts die Irrationalität um sich, machten Verschwörungstheorien die Runde. […] Ironischerweise war gerade das bejubelte Kriegsende aus Sicht der Seuchenbekämpfung eine Katastrophe: Auf der ganzen Welt lagen sich am ›Armistice Day‹ [11. November 1918] fremde Menschen jubelnd in den Armen – und steckten sich gegenseitig an. Bei Siegesparaden kamen Hunderttausende zusammen – der Erreger konnte sich unter ihnen ungehindert ausbreiten.« Hans Michael Kloth: Grippe-Katastrophe von 1918/19, in SPIEGEL ONLINE, 27. April 2009

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»Überall konnte man die Zeichen der um sich greifenden Infektion beobachten: Innerhalb weniger Tage, ja oft nur weniger Stunden verbreitete sie sich. Erschreckend war für die Zeitgenossen das Plötzliche der Erkrankung, der Umschlag von der scheinbaren Gesundheit zur unmittelbaren Todesnähe […] alles war plötzlich überlagert von der Krankheit, die sich am Ende des Krieges wie ein unheimlicher Todestanz auszubreiten schien.« Jörn Leonhard: Der überforderte Frieden, München 2018, S. 11

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Der nächste Beitrag erscheint am 6. Juni 2018.

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