Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

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Tilsiter Allgemeine Zeitung, 24. Oktober 1916

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

27. November 1916

Heute war wieder ein tragischer Tag. St. Léger wurde mit Bomben belegt. Zwölf Flieger kamen plötzlich aus dem Nebel, das Alarmrohr blies seinen schauerlichen Ton, die Glocke schlug an, man konnte sich kaum in Deckung bringen, da fiel die erste Bombe. Die dritte Bombe fiel auf das von uns belegte Haus. Gott sei Dank war keiner darin gewesen, gerade war noch der Letzte in den Unterstand geflüchtet. Auf der Straße lagen drei tote Pferde und drei Mann lagen schwer verwundet, von denen einer starb. Gott hat mich wieder gnädig beschützt und mich in Schutz genommen. Ich wohne jetzt in einer schönen Villa mit herrlichem Garten.

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Berliner Tageblatt, 12. November 1916

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Tagebucheintrag von Jeanne Thomassin (18 J.) aus dem besetzten Matton (Ardennen):

« Décembre 1916. Mardi 28. Une autre affaire: On bassine que la salle de douches (chez Maljean : est mise à la disposition du public. Chacun doit aller prendre une douche : le jour est designé pour les femmes, les hommes etc. Je me demande ce que ça peut bien leur faire qu’on soit propre ou non; ils craignent peut être que les civils donnent des maladies à leurs soldats! C’est plutôt je crois pour embêter le monde car ceux qui n’iront pas seront punis. On paie seulement 10 ct qui seront pour la femme de charge. Nous avons un nouveau commandant de place et je crois qu’il n’est pas tout à fait comme un autre.– On bassine aussi que les hommes et les jeunes gens doivent saluer les officiers en soulevant leur coiffure. Jeudi 30. Beaucoup de jeunes filles vont aux douches. J’y vais aussi ; c’est très bon, mais ce qui est embêtant c’est qu’on doit y être à 11. Enfin it vaut mieux y aller que de leur donner des Marks. – On ne sait plus ce qu’ils ont dans la tète. La moindre désobeissance à leurs ordres est sévèrement punie : Marks ou arrêt ; mais on se console ce n’est pas un deshonneur d’aller en prison chez eux, au contaire it vaut mieux que de leur donner de l’argent pour continuer la guerre contre nos soldats. » (1 J 727/1, Archives-Ardennes, Charleville)

»Dezember 1916. Dienstag 28. Etwas Anderes: Es wird ausgerufen, dass die Duschen bei Maljean nun für die Öffentlichkeit zur Verfügung gestellt wurden. Jeder muss da duschen. Die Tage sind eingeteilt für Frauen und Männer etc. Ich frage mich, was sie davon haben, ob man sauber (gewaschen) ist oder nicht. Sie glauben vielleicht, dass die Zivilbevölkerung ihre Soldaten mit Krankheiten anstecken könnte! Ich glaube dagegen vielmehr, dass sie uns damit ärgern wollen, denn, wer nicht hingeht, wird bestraft. Man zahlt nur 10 ct für die Frau, die sich darum kümmert. Wir haben einen neuen Standortkommandanten, und ich denke, er ist nicht ganz so wie der andere. – Es nervt uns auch, dass die Männer und Jugendlichen die Offiziere durch Kopf heben grüßen müssen. Donnerstag, 30. Viele junge Mädchen gehen zu den Duschen. Ich gehe auch hin; es ist sehr gut, aber, was ärgerlich ist, dass wir da zu elft zusammen duschen sollen. Am Ende ist es aber besser hinzugehen, als ihnen Mark (Geld) zu geben. – Wir wissen auch nicht, was sie in ihren Köpfen haben. Die kleinste Unfolgsamkeit wird schwer bestraft: Mark (Geld) oder Gefängnis. Man tröstet sich damit, dass es nicht unehrenhaft ist, in ihr Gefängnis zu gehen – das ist am Ende besser, als ihnen Geld zu geben, mit dem sie den Krieg gegen unsere Soldaten fortsetzen.« (Übersetzung G. F.)

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»Im besetzten Gebiet nahe der Frontlinie wurden zivile Arbeitskräfte dazu eingesetzt, dem Besatzer bei der Ausführung von Reparaturarbeiten auf den Straßen zu helfen oder weitere Gräben auszuheben, trotz der Risiken, die eine solche Aktivität mit sich brachte, da man unter Missachtung der internationalen Konventionen ständig dem ›feindlichen‹ Feuer und den Bombardements ausgesetzt war. Überall mussten die Einwohner eine Sperrstunde einhalten, sich bei Reisen einen (kostenpflichtigen) Passierschein ausstellen lassen und waren an vielfältige Verpflichtungen gebunden. Einige dieser Verpflichtungen erschienen zwar harmlos („Straßen und Bürgersteige kehren“, „Verbot, den 14. Juli zu feiern“, „die deutschen Offiziere grüßen“), andere waren jedoch mit viel mehr Zwang verbunden (Zwangsarbeit, Evakuierungen), sogar erniedrigend, wie zum Beispiel obligatorische Intim-Untersuchungen der 15- bis 55-jährigen Zivilisten (so in Lens 1916). Trotz ihres jungen Alters wurden auch die Schüler nicht von der Zwangsarbeit verschont. Sie mussten zum Beispiel die Samen der Heckenrose, Brennnesseln oder Konservendosen sammeln, die anschließend dem Besatzer übergeben wurden.« Yann Hodicq, Mitglied der Kommission für Geschichte und Archäologie des Departments Pas-de-Calais. Quelle: www.wegedererinnerung-nordfrankreich.com

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Der nächste Beitrag erscheint am 30. November 2016.

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