Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Liller Kriegszeitung »Die Liller Kriegszeitung war eine deutschsprachige Zeitung für die Besatzungstruppen und wurde auf den Pressen des besetzten Echo du Nord gedruckt. Es handelte sich dabei um die erste Zeitung dieser Art. Das gesamte Personal bestand aus Deutschen, die Leitung hatten die zwei Schriftsteller Oskar Hoecker und Freiherr Georg von Ompteda übernommen. Als Zeichner kam Karl Arnold vom Münchner Satiremagazin Simplicissimus hinzu. Die Redaktion ließ sich in den Räumlichkeiten des Grand Echo nieder, neben der Grand’ Garde die permanent von einem bewaffneten Sonderkommando bewacht wurde. Die Zeitung erschien wöchentlich, zusätzlich brachte die Redaktion jedoch jeden Nachmittag ein kleines Flugblatt mit den letzten Neuigkeiten heraus. Die Liller Kriegszeitung druckte auch verschiedene weitere Arbeiten wie Lille in deutscher Hand. Die Soldaten hatten außerdem Zugriff auf andere deutschsprachige Zeitungen, die in der Rue Nationale in Lille im beschlagnahmten und zum ›Haus der Presse‹ umfunktionierten Gebäude der Bank Crédit lyonnais verkauft wurden.« Claudine Wallart, Chefkonservatorin des Kulturerbes am Archiv des Departements Nord.

René Arnaud, mit 21 Jahren Infanterist in der französischen Armee, erinnert zum Ende Mai 1916: »Wir stapften umher, tauschten Gerüchte aus und diskutierten. Ich erinnere mich immer noch an den Bataillonsarzt Truchet, der gebeugt dastand, mit gespreizten Beinen und ratloser Miene, während er mit der linken Hand nervöser denn je an seinem schwarzen Bart kratzte: ›Dies ist eine Schande! Man sollte dieses Schlachten beenden! Man lässt Tausende von Männern massakrieren, um eine Reihe ausgedienter alter Forts zu verteidigen. Das ist grauenhaft! Ah, schöne Generäle haben wir‹.« Peter Englund: Schönheit und Schrecken, Berlin 2011, S.285

Die neue Postzeitungsliste der Reichspost für 1916 verzeichnet seit der letzten Ausgabe 1915 die Einstellung von 1255 Zeitungen. Die Gesamtzahl der seit Kriegsbeginn eingestellten Zeitungen und Zeitschriften beträgt 3000. Quelle: chroniknet.de/extra/ereignisse/april-1916

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

Alle Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

Kontakt: mail@handschriften-lesen.de www.handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

28.–30. Mai 1916

28. Mai 1916. Sonntag. War heute morgen zur heiligen Messe und habe dann den Tag im Garten und auf der Kommandantur verbracht. Ein herrlicher Sonntag in Feindesland. Ich hab’s eigentlich ganz schön hier. Habe im Garten etwas gearbeitet. Vor der Tür und im Hof alles rein gemacht. Kann die Abende so schön verleben, so ruhig und traulich still. Ich bin gar nicht im Krieg, obwohl ich Kriegsarbeiten mache.

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Sonntag den 30. Mai 1916 / M. L. / Heute Morgen denk ich immer an Euch, erlebe die Feier in Gedanken mit. Beifolgend zwei Zeitungen von Ostern. Es stehen recht interessante Artikel darin. Die Liller* setzt freilich alles herunter, sie wills auch mit Schimpfen haben. / Franz.

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Berliner Tageblatt, 28. Mai 1916

»Butterprozesse. Mindergewicht. – Höchtpreisüberschreitungen. / Wegen Verabfolgung von Mindergewicht beim Verkauf von Butter hatte sich die Verkäuferin Ida Schäfer vor dem Strafrichter zu verantworten. Die Angeklagte ist Leiterin einer Filiale des Butterhändlers Bruno Freche, die sich in Schöneberg befindet. Wie überall, so entwickelte sich auch vor dem Laden der Angeklagten die bekannte „Butterpolonäse“. Um die Abfertigung zu beschleunigen, hatte die Angeklagte ganz im stillen Butterpakete zurechtgemacht, die je 1/2 Pfund wiegen sollten. Als am 20. Januar eine Frau ein halbes Pfund Butter verlangte und ihr ein solches Paket zugewiesen wurde, kam ihr das Paket etwas leicht vor, und sie verlangte deshalb, daß ihr die Butter vorgewogen werden möge. Sie hatte damit aber keinen Erfolg, die Angeklagte wies vielmehr dieses Verlangen zurück. Eine andere Kundin ließ sich dagegen nicht einschüchtern; sie bestand darauf, und beim Abwiegen stellte sich heraus, daß an dem in dem Paket vorhandenen Butterquantum 20 Gramm fehlten, wozu dann noch das Gewicht des Papiers mit 15 Gramm hinzutrat. Die Sache brachte, wie begreiflich, die auf die Abfertigung wartenden Hausfrauen in eine nicht gerade angenehme Stimmung. Nachdem vier weitere Käuferinnen auf dieselbe Weise ein Untergewicht festgestellt hatten, wurden noch zahlreiche Pakete nachgewogen, und bei allen stellte sich ein Fehlgewicht heraus. Die Angeklagte bestritt, eine betrügerische Absicht gehabt zu haben und wollte die Sache dadurch erklären, daß die Butter auf Eis gestanden habe, etwas krümelig geworden sei und beim Zurechtmachen der Pakete und dem Abwiegen solche Butterkrümel verloren gegangen sein können. Der Staatsanwalt ließ diese Erklärung nicht gelten, sondern beantragte 1000 Mark Geldstrafe, indem er zu erwägen bat, daß in dieser Zeit der Butterknappheit die bedauernswerten Frauen, die oft erst nach stundenlangem Warten ihre Ausdauer gekrönt sehen, die Gewähr erhalten müssen, daß sie wenigstens das richtige Gewicht bekommen. Der Gerichtshof erkannte auf 300 Mark Geldstrafe oder 30 Tage Gefängnis.«

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Der nächste Beitrag erscheint am 4. Juni 2016.

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