Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»Im Ersten Weltkrieg kam erstmals in großem Umfang TNT zum Einsatz, ein Sprengstoff neuen Typs: Wenn er explodiert, breitet sich ringsum eine gewaltige Druckwelle aus, die schneller ist als der Schall. Ihre Opfer im Umkreis trifft sie ohne Vorwarnung – ein lautloser Schock. Erst kurz darauf folgt das Getöse der Detonation. In diesem Augenblick kann das Gehirn, wenn Perl* recht hat, bereits irreparabel geschädigt sein.« Manfred Dworschak: Durchgeknallt – Hunderttausende Soldaten kehren seelisch zerrüttet aus dem Krieg zurück – haben sie in Wahrheit unheilbare Hirnschäden erlitten? Der Spiegel/26 vom 25. 06. 2016.
*Daniel Perl Leiter des CNRM Brain Tissue Repository.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

29. April 1917

Sonntag heute. Wieder hab ich nicht zur Kirche kommen können. Ostern nicht und jetzt schon drei Sonntage später. Der Himmel lacht heute. Herrliches Wetter. Flugkämpfe. Heute stürzten schon vier herunter. Viele sind hingelaufen, ich mochte das Elend gar nicht sehen.

Heute Abend hab ich eine kleine Andacht verrichtet am Heiligenhäuschen. So ein wunderschöner Abend. Die Drosseln und Nachtigallen singen. Es grünt die Natur. Aber hier nur Zerstörung, das entsetzliche Gejohle der Granaten. Es wird auch schon ins Dorf geschossen, man kann nicht mehr ruhig schlafen. Dabei geht’s an den Wonnemonat. Wie schön wär’s, wie wollt’ man sich freuen, wenn dies Elend alle wäre.

»Als Soldat hat man ein ganz anderes Verhältnis zur Natur als die meisten Menschen. All die tausend Verbote, die Hemmungen und Zwänge fallen vor dem harten, dem schrecklichen Dasein am Randes des Todes ab, in den Tagen der Ruhe, steigert sich manchmal der Gedanke an das Leben, die bloße Tatsache, noch dazusein, durchgekommen zu sein, zu schierer Freude, sehen zu können, zu atmen und sich frei zu bewegen. Ein Feld in der Abendsonne, die blauen Schatten eines Waldes, das Rauschen einer Pappel, das klare Strömen fließenden Wassers waren ein unbeschreibliche Freude; aber tief drinnen, wie eine Peitsche, wie ein Stachel, lag der scharfe Schmerz des Wissens, daß dies alles in ein paar Stunden, in ein paar Tagen vorbei sein, wieder gegen die verdorrten Landschaften des Todes eingetauscht werden mußte.« Erich Maria Remarque: Der Feind, Köln 1993, S. 10.

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»1916 war ein Jahr des Aufbäumens gewesen, 1917 waren die Kämpfer, soweit sie noch am Leben waren, am Ende ihrer Kräfte. Es war das Jahr mit den wenigsten Kriegstoten und gekennzeichnet von Erschöpfung, Hunger, Desillusionierung und Resignation. 1917 war nicht das Jahr der Schlachtenlenker, sondern der Mediziner. Kriegstraumata wurden als psychische Leiden anerkannt. […] Von shell shock [Kriegsneurose, Schützengrabenschock] sprachen die Engländer, von obusite [nach obusier, Feldhaubitze] die Franzosen, von ›Kriegszittern‹ die Deutschen. Es gab Soldaten, die schon beim Anblick von Uniformen in Panik verfielen.« Ernst Piper: Nacht über Europa. Berlin 2013, S. 399.

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La Bassée 1917. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

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»Wer gefallen ist, steht – er müßte schon besonderes Unglück haben – wieder auf. Die Gefallenen aber in den jahrelangen Schlächtereien sind, richtig benannt, nichts anderes als Ermordete. Selbst der sanftere Ausdruck ›Getötete‹ wäre ungenau. Zu Millionenen Gemordete – bei einwandfreiem Tatbestand, da keineswegs Überlegung und Vorsatz gefehlt haben, Leben zu vernichten. Wenn man, um der Wahrheit zu helfen, übereinkäme, nie mehr von Gefallenen, immer von Ermordeten zu reden – das könnte vielleicht die Neigung zum Kriegführen ausrotten, denkt Funk.« A. M. Frey: Die Pflasterkästen, Ein Feldsanitätsroman, Coesfeld 2015, S. 143

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Der nächste Beitrag erscheint am 16. Mai 2017.

 

 

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