Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

30. Juni 1918

Sonntag. Heute morgen war ich in Notre Dame in der heiligen Messe. Heute Mittag stand ich längere Zeit an der Straße und beschaute mir dies echt französische Straßenbild. Meist sind es Menschen aus dem unteren Volke, die da vor mir auf und ab gehen. Viele zweifelhaft Herausgeputzte. Sonntags macht sich der Franzose gern fein. Heute liegt tiefe Trauer über vielen, tief verschleierte Damen und Frauen sieht man vorbeigehen. Bomben haben Tod, Kummer und Elend gebracht, unter dem Volke einmal 12 und einmal 15 Opfer gefordert, dazu noch Soldaten und viele Verwundete. Der Krieg ist sehr grausam. Das Gotteshaus St. Joseph ist zum Lazarett ausgestattet. Dafür ist den Bewohnern als Notkirche eine Scheune nur gegenüber angewiesen. Viele Frauen sieht man täglich dort Trost suchen. Besonders abends hört man den erbauenden Gesang. Heute nachmittag machte ich einen längeren Spaziergang in der Umgegend. Alles Zechen und Minen, Arbeitervolk dazwischen, Fermen und Landwirtschaft. Es macht für einen Neuling einen sonderbaren Eindruck. Ein kolossaler Kontrast liegt in diesem Durcheinander. Landwirtschaftliche Idylle, daneben Kolonien. Es muss hier im Frieden was gegeben haben. Die soziale Frage im Wohnungswesen ist hier noch nicht gelöst. Man sieht Häuschen, die aus Strauch und Buschwerk nicht herausgucken. Und jetzt im Krieg sieht man noch im 4. Kriegsjahre Leute im Marktwagen wohnen. Sonderbare Bilder. Und abends liegt alles auf der Straße. Männer, Frauen und Kinder. Männer spielen auf der Straße Karten, ohne Tisch und Stuhl.

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»Nachdem ich die Schönheit der Landschaft dieser ganzen Gegend betrachtet habe, wo Männer und Frauen arbeiten und so ihre Familie voranbringen, wo die Kinder spielen und die Alten träumen…, kann ich nun hier an diesem Ort nur sagen: Der Krieg ist ein Wahnsinn. […] Habgier, Intoleranz, Machstreben – das sind Motive, welche die Kriegsentscheidung vorantreiben, und diese Motive werden häufig durch eine Ideologie gerechtfertigt; zuerst aber ist da die Leidenschaft, der verkehrte Antrieb. Die Ideologie ist eine Rechtfertigung, und wenn keine Ideologie vorhanden ist, dann gibt es die Antwort des Kain: ›Was geht mich das an?‹, ›Bin ich der Hüter meines Bruders?‹ (Gen 4,9). Der Krieg schaut niemandem ins Gesicht: Alte, Kinder, Mütter, Väter… ›Was geht mich das an?‹« Papst Franziskus in Redipuglia, in der Gedenkfeier für die Opfer des 1. Weltkriegs, 13. September 1914

(Redipuglia in Friaul – Julisch Venetien ist ein Erinnerungsort für die Isonzo-Schlachten des Ersten Weltkrieges.)

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Der nächste Beitrag erscheint am 5. Juli 2018.

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