Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Die Beschießung der Kathedrale von Reims, durch die beide Türme und das gesamte Dach zerstört wurden, stieß auf heftige internationale Proteste. Nach 1918 wurde die Kathedrale innerhalb von 20 Jahren vollständig wieder aufgebaut und restauriert, auch durch die Unterstützung der Familie Rockefeller. Und genau dort standen am 8. Juli 1962 Konrad Adenauer und Charles de Gaulle in einer Messe Seite an Seite und ebenso 2012 zu den Feiern zum 50jährigen Bestehen der deutsch-französischen Freundschaft Angela Merkel und François Hollande.

Die Kathedrale von Reims 1908 Französische Postkarte, Sammlung Franz Vogt

Die Kathedrale von Reims 1908
Französische Postkarte, Sammlung Franz Vogt



Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

30. – 31. Oktober 1914

30. Oktober 1914 Heute morgen 10 Uhr hat die Beschießung von Reims begonnen. Man hört keine Schüsse mehr, sondern nur ein unaufhörliches Donnern. Ab und zu trifft dann noch ein schwerer Mörserschuss, so dass unsere Fenster klirren. Sonderbar, alles lässt einen kalt. Man lacht und arbeitet herum und dort bricht Verderben herein über eine schöne Stadt und dessen Bewohner. Unteroffizier Wortmann erzählte, sie hätten in der Feuerstellung noch das Getrappel der Pferde hören können, die die flüchtigen Bewohner aus der Stadt brachten.

Heute Abend besuchte uns Tierarzt Wemhoff aus Gesmold. Um 7 Uhr musste ich auf Wache ziehen. Ich hatte die Nacht über Muße, mir das Bombardement von Reims anzusehen und noch besser zu hören. Die Stadt brennt an allen Enden. Viele Bewohner hier sieht man weinen. Trauriges Dasein. Die Männer sind im Felde und nichts dringt von ihrem Schicksal nach hier, keine Zeitung und Brief gelangt nach hier

Was nicht alles in Deutschland geleistet wird, viele Liebesgaben sind wieder verteilt worden. Wieder erhielt ich eine Unterhose vom Frauenverein Oldenburg, weiter Pulswärmer, Taschentuch, Schokolade, Zigarren, Seife und sonstige Kleinigkeiten.

31. Oktober 1914 Die Nacht von 12 Uhr an wurde Reims beschossen. Das war kein Schießen mehr, sondern ein unaufhörliches Donnern. Feindliche Flieger konnten immerzu beobachtet werden. Morgen ist Allerheiligen. Wie es scheint wird Allerseelen hier stark gefeiert werden. Berge von Kränzen mit Blumen werden zum Kirchhof getragen. Auf den Kirchhöfen herrscht hier wahrer Luxus. Kostbare gewölbte Ruhestätten und Denkmäler. Herrliche Anlagen, Trauertannen und Birken, alles vereint sich zu einem harmonischen Ganzen.

Morgen haben wir keinen Dienst, kann also den Sonntag dazu benutzen, um Land und Sitten kennenzulernen.

Eintrag