Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Am 4. Oktober 1918 sandte Prinz Max von Baden in seiner Funktion als Reichskanzler eine diplomatische Note an den amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson mit der Bitte um Friedensverhandlungen: »Um weiteres Blutvergießen zu vermeiden, ersucht die deutsche Regierung, den sofortigen Abschluss eines Waffenstillstandes zu Lande, zu Wasser und in der Luft herbeizuführen«. Grundlage der Verhandlungen sollte das 14-Punkte-Programm des amerikanischen Präsidenten Woodrow Wilson vom 8. Januar 1918 sein, worin er u. a. offene, öffentlich abgeschlossene Friedensverträge und aufrichtige Demokratie vor aller Welt, eine uneingeschränkte Freiheit der Schifffahrt auf den Meeren und die Beseitigung aller wirtschaftlichen Schranken für gleichgewichtige Handelsbedingungen aller Nationen anstrebte. In seinem letzten Punkt forderte Wilson die Gründung eines allgemeinen Verbandes der Nationen mit besonderen Verträgen und gegenseitigen Bürgschaften für eine politische und territoriale Unabhängigkeit und Unverletzbarkeit aller Staaten – eine Vorstellung, die sich 1919/20 im Völkerbund und nach 1945 in den Vereinten Nationen erfüllen sollte.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

5.–12. Oktober 1918

5. Oktober 1918. Heute bin ich wieder von Haus abgefahren. Unterwegs bin ich krank geworden. Habe in Lille einen Tag im Hotel im Bett gelegen, vorher war ich noch zur Beichte. Wie sah Lille aus! Still und öde. Wir wollen es räumen, kein Betrieb mehr, der Krieg wird wohl tragisch enden für uns. Es ist Sonntag heute, aber wie ist mir zu Mute.

Am 8., Montag kam ich bei der Truppe in Faches an, einem kleinen Dörfchen unweit Lille. Was für große schwere Tage durchleben die Leute. 4 Jahre in deutscher Hand, sollen sie dieser Tage wieder dem Feind überlassen werden.

10. Oktober 1918. Heute nachmittag wurde unser Dorf beschossen. Wir sind nach Lesquin geflüchtet. Die armen Einwohner müssen bleiben. In Lesquin gutes Quartier, die Leute in Angst gesetzt, bangende Zukunft.

12. Oktober 1918. Weiter zurück nach Rumillies hinter Tournai. Die neue Stellung soll direkt vor Tournai sein. Oh Elend, alles Zivil ist noch da. Gott, hast Du gar kein Erbarmen? Soll diese schöne Stadt auch noch dem Erdboden gleich? Vollständig unberührte Gebiete, die armen Menschen.

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Berliner Tageblatt, 15. Oktober 1918

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Der nächste Beitrag erscheint am 20. Oktober 2018.

 

 

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