Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Am 9. Dezember 1917 besetzte der englische General Allenby mit seinen Truppen Jerusalem. Vor dem Jaffa-Tor stieg er von seinem Pferd ab. Er wollte die Heilige Stadt als Pilger, nicht als Eroberer betreten. Ausgerechnet! Vor ihm lag die Heilige Stadt, hinter ihm seine bewaffnete Streitmacht. Nach Mekka und Bagdad war nun auch noch die heilige Stadt der Moslems, Juden und Christen in feindliche Hände gefallen – ein schwerer Schlag für den Heiligen Krieg des Osmanischen Reiches.

General Falkenhayn schrieb an Generalmajor Hans von Seeckt am 6. Dezember 1917: »Mit Divisionen, deren Gefechtsstärke im Durchschnitt 1200 Mann beträgt, und zwar ausgepumpter und halbverhungerter Leute, lassen sich keine Wunder verrichten, besonders nicht, wenn auch noch – dem vorzüglich ausgerüsteten Feinde gegenüber – Bespannung, Bekleidung, alles Gerät und – at last, but not least – Munition fehlt.« (Quelle: Holger Afflerbach in ZEIT ONLINE, 4. Januar 1991.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt.

Die Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

5.–9. Dezember 1917

5. Dezember 1917. Wir sind jetzt in Tourcoing. Waren vier Tage in La Madeleine, hatte dort ein gutes Quartier. Ich lag bei einer Frau mit einer Tochter. Die Mutter war in Kassel geboren und als sechsjähriges Kind mit ihrer Familie nach Frankreich ausgewandert. Ich hab mir am Sonntag die Umgegend von Lille angesehen. Ich war in St. Mauritz, St. Laurenzo, St. Gabriel. Interessant ist es an Sonntagabenden vorm Tor, wenn die Leute so aus den Ausflugsorten kommen. Man sieht dann das leichtlebige Völkchen, wie alles schwirrt und surrt.

6. Dezember 1917. Wir sind in Tourcoing auch ganz gut untergebracht. In meinem Quartier ist ein Sohn, der war längere Zeit in Mainz auf der Schule, sprach sehr gut Deutsch und ein durchaus netter Mensch. Wir haben uns bis zwölf Uhr abends unterhalten. Er hat mir ein richtiges Bild von Frankreich gegeben, hob auch die Mängel hervor und war besonders von der heutigen Regierung nicht erbaut. In der Familie war nur Vater, Mutter und der Sohn. Schade, dass ich nicht länger dablieb. Tourcoing ist eine nette Stadt, es wohnen auch sehr viele Flamen dort. In der Kathedrale habe ich auch ein besseres Begräbnis beigewohnt, welches ja in Frankreich mit außergewöhnlichem Pomp und Zeremonien vonstatten geht.

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Halifax. Nova Scotia. Halifax war ein wichtiger Nachschubhafen für die britischen Truppen. Jeden Tag wurden hier Frachter mit Truppen, Munition, Pferden, Medikamenten beladen. Am 6. Dezember 1917 kollidierten der französische Munitionsfrachter Mont Blanc mit dem norwegischen Viermast-Dampfschiff Imo. Die Imo hatte Kohle geladen und war auf dem Weg nach New York. Die Mont Blanc hatte  200 t TNT, 2300 t Pikrinsäure, 63 t Schießbaumwolle und 35 t Benzol geladen (wikipedia.org/wiki/Halifax-Explosion). Die Flut- und Druckwelle der Explosion verwüstete weite Teile der Stadt. 1600 Menschen wurden sofort getötet, 9000 verletzt. Das Militär richtete Nothospitäler und provisorische Unterkünfte ein. Zu allem Unglück wurden die Rettungsmaßnahmen am nächsten Tag von einem Blizzard behindert, der Halifax innerhalb weniger Stunden mit einer Schneedecke von über 40 cm Höhe bedeckte.

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Berliner Tageblatt, 9. Dezember 1917

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7. Dezember 1917. Wir sind in Courtrai einquartiert, einer mittleren Stadt in Belgien. Echt flämisch, aber sehr gemütlich. Hat eine sehr schöne Hauptkirche, ein Glockenspiel auf dem Belfroy. Wir waren in einer Villa einquartiert. Dieselbe gehörte einer alleinstehenden Dame, welche augenblicklich in Rom weilte. Sie schien nach den Statuen und Einrichtung sehr religiös zu sein. Abends war ich in der Andacht, es war sehr schön und feierlich.

9. Dezember 1917. Heute sind wir zur Front gefahren nach Roulers und von da nach Beveren, wo wir in Quartier kommen. Das Dorf liegt eine halbe Stunde von Roulers entfernt.

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Der nächste Beitrag erscheint am 15. Dezember 2017.

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