Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

Die blaue Blume

Ich habe die blaue Blume gesucht.
Als ich sie fand,
War es dunkel und kalt,
Und im Mondlicht war sie weiß.

So du, mein Freund, mich nimmer siehst,
Wisse: ich zahlte der Freiheit Preis.
Wenn auch die Blüte verblassen muß,
Immer bleibt grün ihr Reis.

Wieland Herzfelde als Deserteur bei Brieg, 1916 aus: Wieland Herzfelde: Blau und Rot, Insel-Bücherei Nr. 952, Leipzig 1986


Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

Alle Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

5.-9. Mai 1916

5. Mai 1916. Schon drei Uhr bin ich aufgestanden. Die ganze Kolonne machte einen Ausflug nach Tournai. Ich blieb allein zurück. Wie schön, im Wonnemonat Mai in Belgien. Alles grünt, es brüllt man so. Die schönen Weiden, Wälder und Gärten. Die Drosseln schlagen und Nachtigallen. Alles ist in Hülle und Fülle hier. Ich trinke meine Milch, esse Eier und ganz ferne hört man Kanonendonner. Warum ist eigentlich noch Krieg? Man sollte meinen, die Menschen wären genug gestraft. Ich weiß nicht, ich wohne auf einer großen Ferme, die Leute gefallen mir nicht so gut wie die Franzosen, sie sind so sozialistisch revolutionär veranlagt. Mit der Religion ist’s auch nicht weit her, sie heißen wohl nur katholisch. Heute nachmittag fahre ich wieder zur Abteilung. Wir sollen ja jetzt nicht wegkommen. Umso besser, es gefällt mir ganz gut in Ruhe.

6. Mai 1916. Sonnabend. Heute nachmittag bin ich nach Esplechin zurückgefahren. Habe abends noch einen schönen Spaziergang gemacht ins nahe Gehölz.

1916-05-06_ferme_472

Belgien 6. 5. 16 / M. L. / Umstehend mein Quartier, wo ich ein um den andern Tag wohne. Ferme de Florent, ein großes Gut. Alte Bauart, aber sehr gemütlich mit 30 Mann hier, tolles Leben abends. / Franz. Fotografie: Franz Vogt

7. Mai 1916. Sonntag. Heute morgen bin ich in Esplechin nach der Frühmesse gewesen. Es waren ziemlich viel Leute drin. Am Nachmittag fuhr ich wieder nach Guignies zur Abteilung. Bin dann nachher nach dem nahen Dorfe Wez-Velvain gegangen. Habe dort ein großes Kloster und die schöne Kirche angesehen. Der Klosterpark war herrlich. Nachher hab ich eine Wirtschaft besucht. Es saßen Männer beim Kartenspiel. Auch junge Mädchen saßen da zu schwatzen, gerade wie bei uns manchmal auf einem Sonntagnachmittag.

8. Mai 1916. Fahre heute wieder nach Esplechin zurück. Die Frau auf der Ferme erzählte mir, dass bald Friede käm’, es stände in der Zeitung aus Tournai. Der Kaiser will jetzt seine Truppen besuchen wird gemunkelt. Ob’s wahr wird? Auch sitzt man sozialdemokratischen Bewegungen, welche im Heere an Umfang zunehmen auf der Pelle. Es kann nicht mehr lange weitergehen, die Sache wird kritisch.

9. Mai 1916. Heute war ich wieder in Wes-Velvain. Habe die großen Baumschulen angesehen. Ein großer Teil der Leute beschäftigt sich hiermit. Der eine züchtet Ziersträucher, der andere wieder Nutz- und Obstbäume. Heute Abend holte ich mir direkt von der Brauerei einen Liter Bier, der kostete 16 Francs 20 Centimes. Kein Wunder, dass so viel Estaminets hier sind, die verdienen gut. Darum trinkt auch jeder sein Bier in Frankreich und Belgien. Es ist ja auch ganz ungefährlich, viel Alkohol ist nicht drin. Man trinkt es für den Durst.

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Esplechin im Mai 2016. Foto: Gisela Fleischmann

 

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