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Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

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Feldlazarett Sissonne, Département Aisne. Auf der abgebildeten Postkarte schreibt der sächsische Munitionsfahrer Fritz Ludwig am 28. September 1914 u.a.: »Diese Zelte haben die Rothosen zurück gelassen und heute haben wir darin geschlafen!« Der Schreiber wusste noch nicht, dass auf genau auf diesem Gelände 1915 ein Soldatenfriedhof angelegt wurde. 14.694 deutsche Soldaten liegen hier begraben.

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

Alle Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

mail@handschriften-lesen.de

Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

5. Februar 1915

Jetzt sitzen wir schon im Eisenbahnzuge, passierten schon Taizy. Das Verladen ging flott vonstatten. Eine 3/4 Stunde und die ganze Kolonne war verladen. Gerade laufen wir im Bahnhof Rethel ein, eine Stadt zu Einviertel zerstört. Liegt sehr schön am Berge, woselbst ein schönes Schloss und Anlagen zu sehen sind. Rethel liegt am Aisne-Fluss. Am Bahnhof sieht man ein großes Feldlazarett mit vielen Zelten.

Weiter ging’s ĂĽber Amagne, Attigny auf Sedan zu. Die Gegend war wunderschön. Lauter Höhen und Täler. Sedan – wer hätte gedacht, dass man diesen Ort, wovon schon so viel gesprochen und gesungen noch zu sehen bekäme. Sedan liegt an der Maas, ist ein sehr schöner, lang an den Höhen sich hinziehender Ort. Die Maas, ein ziemlich reiĂźender Strom, dreht sich hier stark, gibt dem ganzen Gelände etwas Erhabenes. Unten am Fluss sieht man Eisenwerke und Fabriken, oben auf den Höhen schöne Villen und Kunstbauten. Und dann die kolossalen Bergkuppen, wo das Blut unserer Väter geflossen 70/71, was wecken die fĂĽr gewaltige Erin­nerungen. Die Gräber von 70, welche schon wieder durch neue von 14 ergänzt wurden.

Weiter ging’s an der Maas entlang, immer über Notbrücken, da die bestehenden von den Franzosen gesprengt, auf Mouzon zu, wo wir den Zug nicht weiter benutzten sondern den Marsch antraten. Mouzon ist eine kleine Stadt an der Maas, sehr altertümlich, hat noch Stadttore. Schnell wird ausgeladen. Schon sind wir auf dem Marsch in unser Quartierdorf, welches wir in 12 km erreichen sollen.

Jetzt sind wir im Quartier angelangt. Der Marsch ging von Mouzon ĂĽber Carignan, wo wir „Rendewo“ machten. Zu unserer Ăśberraschung gab’s in Carignan noch Läden und Wirtschaften, sodass wir Bier, Ansichtskarten, Gebäck kaufen konnten. Wir wussten gar nicht, wie uns geschah und waren alle lustig, vergaĂźen den Krieg bald. SchlieĂźlich ging’s dann weiter ĂĽber Berg und Tal, an schönen Weiden und Gärten vorbei nach Matton, wo ich jetzt im Quartier sitze und diese Aufzeichnungen mache. Morgen will ich noch einiges ĂĽber die Fahrt aufschreiben, jetzt bin ich mĂĽde von den Strapazen.

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Bahnhof Mouzon 2016. Die Bahnstrecke wird heute nicht mehr befahren. Das Gebäude befindet sich in Privatbesitz und wird renoviert. Fotografie: François Gille, Matton.

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