Aufzeichnungen und Fotografien des Gefreiten der Landwehr Franz Vogt (1878−1944) aus Gesmold, Landkreis
Osnabrück, vom 2. August 1914 bis
16. Dezember 1918, herausgegeben und
kommentiert von Gisela Fleischmann

»Die Szene hat gründlich gewechselt. Der Marsch in sechs Wochen nach Paris hat sich zu einem Weltdrama ausgewachsen; die Massenschlächterei ist zum ermüdend eintönigen Tagesgeschäft geworden, ohne die Lösung vorwärts oder rückwärts zu bringen. Die bürgerliche Staatskunst sitzt in der Klemme, im eigenen Eisen gefangen; die Geister, die man rief, kann man nicht mehr bannen.« Rosa Luxemburg (1871–1919) in Die Krise der Sozialdemokratie (Zürich 1915)

Die Abbildung im Kopf der Seite zeigt einen Ausschnitt aus einer französischen Postkarte mit französischen, belgischen und luxemburger Soldaten: Frontière franco-belge-luxembourgeoise Longwy—Arlon—Luxembourg. Postkarte: Sammlung Franz Vogt

Alle Aufzeichnungen und Zitate erscheinen in der Schreibweise der Originale.

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Franz Vogt

Gefreiter der Landwehr

1914–1918

5. März 1915

Das war mal wieder eine tolle Nacht. Um zwei brannte der Stall ab, wo der Abteilungsstab einquartiert. Vierzehn Pferde und ein Mann verbrannt. Alles Offizierspferde. Ich bin am Bahnhof geblieben, weil die Kolonne 15 km weiter musste. Habe im Bahnwagen 2. Klasse geschlafen. Heute morgen bin ich zur Abteilung gegangen, wo toll geschafft wurde. Sie suchten nach dem Kanonier und schleppten Pferde weg. Trauriger Anblick, alles verkohlt. Hier herrscht ein wüstes Durcheinander, man verkommt bald darin.

Ab und zu, wenn man sich aus dem Wirrwarr herausbekommt und sammelt sich etwas, hört die Vögel singen. Dann kriegt man Heimweh und wünscht sehnlich nach dem Ende dieses schrecklichen Krieges. Heute Abend spät musste ich mit einem Befehl zu einer entfernten Ferme, einem Gute, wo fast ein ganzes Regiment untergebracht worden war. Es war eine tolle Geschichte. Tiefschwarze Nacht. Mit einem Male rannte ich mit einem Mann zusammen. Ich ließ meine Taschenlampe leuchten und, oh Schrecken, ich beleuchtete ein ganz blutiges Gesicht. Es war ein Infanterist, der aus dem Graben kam. Was man nicht alles erleben muss im Felde. Diese furchtbar schlechten Straßen, dieser Dreck, ganz schrecklich.

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Chatel in den Argonnen ist das Dorf wo wir März 15 lagen und uns 15 Pferde verbrannten. Oben seht Ihr den Argonnenwald, es sah damals und jetzt nicht so friedlich aus. Franz (Postkarte: Sammlung Franz Vogt)

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